JAHRBÜCHER
FÜR
NATIONALÖKONOMIE UND STATISTIK.
GEGRÜNDET VON
BRUNO HILDEBRAND,
HERAUSGEGEBEN
von
De. JOHANNES CONRAD,
FPEROFEBSOE DEH STAATSWISSENSCHAFTEN EU HALLE 4./S.
NEUE FOLGE,
DREIZEHNTER BAND.
le
(DER GANZEN REIHE-_ÄECHSUNDVIERZIGSTER BAND.)
zn DE iin
JENA,
VERLAG VON GUSTAV FISCHER
1886.
Adolph Wagner, Systematische Nationalökonomie. 197
IM.
Systematische Nationalökonomie.
Von
Adolph Wagner.
System der Nationalökonomie. Ein Lesebuch für Studierende. Von Gustav Cohn,
ord. Prof. der Staatswissenschaften an der Universität Göttingen. 1. Band. Grundlegung.
Stuttgart, E. Enke. 1885. gr. 80. X u 649 8.
I.
Im Jahre 1382 war das grosse Handbuch der Politischen Okono-
mie erschienen, das G. Schönberg in Tübingen in Gemeinschaft mit
einer grösseren Anzahl Fachgenossen unternommen hat!). Damals
entspann sich, zunächst von G. Schmoller angeregt, eine Erörte-
rung in der Fachlitteratur und ihrer Presse über die Opportunität
eines solchen Werks systematischer Art - soweit letzterer Charakter
dem aus kleinen Monographieen verschiedener Verfasser bestehenden
Schönberg’schen Werke beigelegt werden kann — gerade bei dem
gegenwärtigen Stande der wissenschaftlichen Arbeit auf dem Gebiete
der Nationalökonomie. An der betreffenden Diskussion habe ich mich
ebenfalls in einer kurzen Antikritik der Schmoller’schen Auffassung und
Einwände beteiligt. Es sei gestattet, auf diese Erörterung zunächst
zurückzukommen.
Auch Schmoller erkannte gleich vielen anderen Rezensenten
des Schönberg’schen Handbuchs ein Bedürfnis zu einem solchen Werke
an?). Er rühmte die Bearbeitung mehrfach. Aber er hatte doch
prinzipielle und aus dem gegenwärtigen Zustand der Wissenschaft
hergenommene Opportunitätsbedenken gegen ein solches Werk über-
un wann mm mn nn nur nanee mamen
1) Das Bedürfnis nach einem solchen umfassenden Werke ist mittlerweile durch den
raschen Absatz der starken ersten Auflage wohl auch äusserlich bestätigt worden. Von
der zweiten, vielfach vermehrten und erweiterten Auflage, die in Lieferungen erscheint,
liegt Ende 1885 Band I und II bereits vollständig vor.
2) Jahrb. für Gesetzg. n. s. w. 1882. Heft 4. 8. 249 ff.
N. F. Bd. XII 14
198 Adolph Wagner,
haupt und vollends in der Gegenwart. Die Mitarbeiter, lauter Spe-
cialisten auf dem Gebiete der von ihnen verfassten Abhandlungen,
gingen zwar in ihren praktischen Bestrebungen zum Teil ziemlich
weit auseinander, aber sie ständen sich doch in ihren Anschauungen
über Methode, Systematik u. dgl. m. nicht so sehr fern, die meisten
gehörten „noch“ der Richtung an, die durch Rau und Roscher re-
präsentiert sei. Deshalb sei das Handbuch doch im Ganzen mehr ein
Spiegelbild der deutschen Wissenschaft der Vergangenheit als der
Zukunft. Schmoller will daraus weder dem Herausgeber Schönberg,
nach den Mitarbeitern an dessen Werk einen sie persönlich treffenden
Vorwurf machen. Er meint nun weiter, die deutsche Wissenschaft sei
gegenwärtig in vollständiger Umbildung und Umwälzung begriffen,
woraus schliesslich, unter angemessener Veränderung der Methode, eine
Verwandlung der sogen. politischen Ökonomie in die „Sozialwissen-
schaft“ hervorgehen müsse !)J. Selbst der Plan für ein demgemäss
neu zu gestaltendes systematisches Werk lasse sich aber jetzt noch
nicht aufstellen. Erst in 10—20 Jahren werde man daran denken
können. Vorläufig begnügt sich Schmoller damit, blos einige Ge-
sichtspunkte, welche seiner Meinung nach für einen solchen wissen-
schaftlichen Neubau zu befolgen sein würden, mit wenigen Strichen
anzudeuten. „Der Ausgangspunkt darf nicht mehr das Individuum
und seine technische Produktion, sondern (nur) die Gesellschaft und
ihre historische Entwickelung sein“ (8. 252). Das wird dann in Kürze
mit einigen Sätzen weiter ausgeführt.
Wer Schmoller’s Arbeiten und Bestrebungen kennt, wird durch
diese Stellungnahme desselben nicht nur gegen das Schönberg’sche
Werk, sondern gegen alle „systematische“ und — was er und andere
seiner Richtung damit gewöhnlich indentifizieren, was aber sehr wohl
davon zu unterscheiden ist — gegen „abstrakt-dogmatische“ National-
ökonomie nicht überrascht sein. Seine Auffassung hierin ist nur die
1) Schmoller hat sich über diese Punkte so aphoristisch geäussert, dass eine ein-
gehende Kritik nicht möglich ist. Immerhin kann ich jedoch zwischen dieser Ansicht
von der zukünftigen Verwandlung der politischen Okonomie in die Sozialwissenschaft (a.
a. O. 8. 251) und der Beistimmung, die Schmoller bald darauf — wenigstens wenn ich
ihn richtig verstehe — Dilthey zu Teil werden lässt (Jahrb. 1883, IV, 257), keine
rechte Übereinstimmung finden. Dilthey (Einleit. i. d. Geisteswissensch. I. bes. 8.
108 ff.) sucht die Unmöglichkeit einer allgemeinen Geschichtsphilosophie, wie sie deutsche,
und einer Soziologie wie sie englische und französische Gelehrte, einer Sozialwissenschaft,
wie sie Schäffle u. a. versucht haben, gerade Mangels geeigneter Methoden, nachzu-
weisen und erwartet nur von den ‚‚Einzelwissenschaften‘“ (darunter auch von der Polit.
Ökonomie) wirkliche Fortschritte auch für die Erkenntnis des Gesamtzusammenhangs der
Erscheinungen. Ich stimme ihm darin im Wesentlichen bei. Wenn Schmoller das eben-
falls thut, so scheint mir doch das Ziel, das er der politischen Ökonomie stellt, auch
wenn er es mit anderen ‚‚exakteren‘‘ Hilfsmitteln erreichen will, ganz denselben Ein-
wänden ausgesetzt zu sein, welche Dilthey gegen die Geschichtsphilosophie und So-
ziologie erhebt. Denn diese Einwände Dilthey’s gehen nicht blos gegen die Mängel der
bisherigen Versuche — die Schmoller ebenso zugeben wird —, sondern auch gegen die
Stellung eines derartigen wissenschaftlichen Problems selbst. Und in dieser Hinsicht ist
doch zwischen Schmoller’s „Zukunfts‘‘-Sozialwissenschaft und selbst der westeuropäischen
„Soziologie‘‘ eigentlich kein Unterschied: in beiden Fällen soll an Stelle der „Einzel-
wissenschaften‘ eine Wissenschaft vom „gesellschaftlichen Gesamtzusammenhang“ treten,
Systematische Nationalökonomie. 199
notwendige Konsequenz seiner methodologischen Gesamtauffassung in
Bezug auf die Nationalökonomie, die er eben wesentlich in konkreter
Wirtschaftsgeschichte — — mit einzelnen Generalisationen daraus, wie
in den schönen Untersuchungen über den Übergang der städtischen
und territorialen in die staatliche Wirtschaft — aufgehen lässt.
Bereits in meiner Antikritik ') habe ich meinem verehrten Ber-
liner Spezialkollegen geglaubt dies entgegnen zu dürfen. Seine Iden-
tifizierung von Wirtschaftsgeschichte und Wirtschaftstheorie schiene
mir unrichtig und ein Vorstoss gegen die Forderungen der Logik in
der Methodologie, Systematologie und Aufgabe-Bestimmung der Wis-
senschaften zu sein. Das Verlangen, die „Gesellschaft“, nicht das
Individuum zum Ausgangspunkt der Nationalökonomie zu machen,
werde, soweit es richtig, in der neueren deutschen Wissenschaft zu
erfüllen gesucht: so ist es ein leitender Gesichtspunkt in Rodber-
tus’ genialen Arbeiten und auch in seinen Zielpunkten für ein natio-
nalökonomisches System ?). So wird m Schäffle’s, Schönberg's,
in meinem eignen Werke (Grundlegung, auch Finanzwissenschaft)3) diese
„gesellschaftliche“ Auffassung der Nationalökonomie vertreten. Gewiss
sind diese Versuche noch mangelhaft und mögen im Ganzen, wie im
Einzelnen viel zu wünschen übrig lassen. Es wird nur erwünscht
sein, wenn einmal ein rein „historischer“ Nationalökonom mit seiner
tieferen Geschichtskenntnis und Geschichtsauffassung, seinen feineren
Methoden an die Stelle dieser Versuche etwas, dann gewiss viel Wert-
volleres setzen wird. Aber in der prinzipiellen Auffassung selbst
besteht doch in diesem Punkte eigentlich kein grosser Unterschied
zwischen den „Historikern“ und „Systematikern‘“ oder „Dogmatikern“
dder Gegenwart, auch nicht zwischen Schmoller und mir. Ich habe
a. a. O. auch weiter die Ansicht vertreten, dass die spekulative De-
duktion, die Analyse der psychologischen Vorgänge im wirtschaftlichen
Thun des Menschen, welche freilich feiner als in der sensualistischen
Philosophie und Nationalökonomie des 18. Jahrhunderts anzustellen
ist, auch gegenwärtig noch ihr Recht neben und vielfach vor aller
„historischen Forschung‘ — im Sinne der neueren historischen Natio-
nalökonomie, nicht Roscher’s und Knies’ — besässen und am aller-
wenigsten durch diese Forschung ganz entbehrlich zu machen seien.
Daher geht mir auch die einseitige Betonung der „exakten“, d. h. —
in willkührlicher Auslegung — der „historischen“ Methode zu weit,
ganz abgesehen von der Frage, welche sich diese neueren historischen
Nationalökonomen gar nicht einmal gestellt haben, ob dieser Ausdruck
„exakt“ auf diesem Gebiete überhaupt und wenn, ob er für das an-
1) Tübinger Zeitschrift für die gesamte Staatswissenschaft. 1883, Bd. 39. 8. 263 1l.
2) Siehe in dieser Hinsicht z. B. den Brief, den Rodbertus an mich in Anknüpfung
an die ersten Abschnitte meiner „Grundlegung‘‘ schrieb; Tübinger Zeitschrift 1878.
S. 221.
3) Grade auch in dieser Teil-Disziplin der politischen Ökonomie habe ich diesen
„gesellschaftlichen‘‘ Standpunkt konsequent zu vertreten gesucht; so u. a. auch in der
Reihenfolge der obersten Steuergrundsätze, indem ich die ‚„finanzpolitischen“ allen an-
dern vorgehen lasse (Fin. 11 $ 366).
14 *
200 Adolph Wagner,
wendbar sei, was man hier in der historischen Forschung als „exakt“
glaubt bezeichnen zu dürfen. „Fertig“ im eigentlichen Sinne sei eine
Wissenschaft und seien auch die Vorarbeiten für eine Systematisie-
rung niemals Auch in 10, 20 Jahren wird man denselben Einwand
erheben können. Man kann immer nur nach dem jeweiligen Stand
der Wissenschaft eine Systematisierung vornehmen. Das ist aber
ebenso ein praktisch-didaktisches und ein vom Leben gestelltes als
ein wahrhaft allgemein wissenschaftliches Bedürfnis, grade auch der
weitgehenden Arbeitsteilung, der monographischen Spezialarbeit, nicht
am wenigsten der Mikrologie des selbstzufriedenen Kleinmeistertums
gegenüber. Auch das von Schmoller aufgestellte Ziel, ein einstmaliges
Aufgehen der Nationalökonomie in die „Sozialwissenschaft“, glaubte
ich in seiner Richtigkeit bezweifeln zu dürfen. Die ökonomischen Er-
scheinungen gehören doch nur zu den sozialen, sind aber nicht kurz-
weg die sozialen. Sie müssen als etwas besonderes, wenn auch eng
mit anderen Zusammenhängendes erkannt, daher eben doch, metho-
dologisch richtig, zunächst möglichst isoliert werden, wenn auch auf
Grund eines hypothetischen Verfahrens in Bezug auf die kausalen und
konditionellen Momente, unter denen sie zu Stande kommen. Nur so
können sie richtig erfaßt und verstanden werden. Alsdann erst ist
ihre Verbindung mit und ihre Beeinflussung durch andere soziale
Momente zu erforschen. „Nicht das Aufgehen der politischen Okono-
mie in eine einstweilen noch recht unklare „Sozialwissenschaft‘“, son-
dern die Umbildung der politischen Okonomie in eine wahre Sozial-
ökonomie scheint mir die Aufgabe und, wenn ich auch einmal
prophezeien darf, das Resultat der Weiterentwickelung unserer Wissen-
schaft zu sein.“ —
Mittlerweile haben diese und verwandte methodologische und
systemathologische Streitfragen nicht geruht, sondern sind in weit
umfassenderen Maße und in tiefergreifender Weise aufgenommen und
fortgeführt worden. Es ist eine eigentümliche, aber erfreuliche,
übrigens keineswegs neue Erscheinung in der Entwickelung der Wissen-
schaft, zumal der deutschen, dal die Einseitigkeiten, zu welchen ge-
wisse wissenschaftliche Richtungen gerade unter dem Impuls ihrer her-
vorragendsten Vertreter, menschlich höchst begreiflich, immer wieder
neigen, bei freier Bewegung der Wissenschaft gewöhnlich bald eine
Reaktion von anderer Seite hervorrufen. Erst allmälich und stets so
leicht unter neuer Verschiebung des richtigen Gleichmaßes, ringt sich
dann eine gewisse mittlere Richtung durch. Mag man ihr den Vor-
wurf des Eklektizismus — wenn es einer ist — machen, sie allein
weiß doch das Wahre und Richtige aus den verschiedenen Strömun-
gen zu vereinigen und, unter möglichster Abstreifung entgegengesetzter
Einseitigkeiten, gerade nur dies festzuhalten.
So haben wir es im letzten Menschenalter erlebt, daß dem radi-
kalen Individualismus und Atomismus der britischen ökonomischen
Doktrin, zumal im sogen. Manchestertum, der radikale ökonomische
Sozialismus gegenüber getreten ist, seinerseits wieder ebenso maßlos
übertreibend wie sein Gegenpart. Beiden Doktrinen liegen universelle
Systematische Nationalökonomie. 201
philosophische Anschauungen zu Grunde. Jede neigt zu einer allge-
meinen Geschichtskonstruktion nach ein paar mehr oder weniger rich-
tigen, aber in ihrer maßgebenden Bedeutung übertriebenen Thatsachen,
sei es des menschlichen Trieb- und Seelenlebens, sei es gar bloß der
Stellung des Menschen zur Natur und seiner technischen Beherrschung
der Naturkräfte durch die Hilfsmittel der „Technik“ im engeren
Sinne des Worts bei der Produktior#+—<Vornehmlich die neuere deut-
sche Wissenschaft hat gesucht, die bloß relative Berechtigung der
beiden Prinzipien, des „Individualismus“ und „Sozialismus“, aber auch
die notwendige Berechtigung eines jeden von ihnen und ihre unbedingt
gebotene Kombination nachzuweisen. Danach handelt es sich nicht
um Individualismus oder Sozialismus, sondern um Individualismus
und Sozialismus. Die theoretische und praktische Streitfrage ist
nicht ein „Entweder-Oder“, sondern ein „Sowohl-Als auch“, ein „Mehr
oder Weniger“ und die ernsten Differenzen drehen sich um dieses
Letztere, um das Maß, allein ?)
So hat die neuere deutsche Wissenschaft nicht minder die enge
und einseitige „Trieb- Theorie“ der britischen Ökonomie berich-
tigt, das Selbstinteresse („Eigennutz“) als nur eine der Potenzen auch
im Wirtschaftsleben und als selbst wieder einen Faktor von örtlicher
und zeitlicher wie selbstverständlich von individueller Variabilität und
Differenzierung anerkannt, — was freilich nicht ausschließt, hypo-
thetisch das Selbstinteresse und seine Wirkungstendenz im wirt-
schaftlichen Leben und Verkehr als methodisches Hilfsmittel des
deduktiven Verfahrens mit bestem Erfolge, jedenfalls mit besserem
als irgend ein andres, auch als irgend eines des (nur vermeintlich
ausschließlichen) induktiven Verfahrens zu benutzen. So wird nicht min-
der von gewissen Gesichtspunkten und Folgerungen aus darwinistischen
Lehren, von Thatsachen aus der Entwickelungsgeschichte der Technik
zum Zweck der Erklärung der wirtschaftlichen Vorgänge, des Ver-
ständnisses der wirtschaftlichen Lebensbedingungen, der Evolution des
1) Die Auffassungen und die „materialistische Geschichtsphilosophie“ von Marx
und von Fr. Engels finden unter jüngeren Männern gegenwärtig meiner Erfahrung
nach eine besonders eifrige Zustimmung. Die leitenden Gesichtspunkte über den Zu-
sammenhang zwischen der Beherrschung der Naturkräfte und der Technik einer-, der Öko-
nomik und Rechtsordnung andrerseits. wie sie bes. Engels in seinen Schriften „Düh-
ring’s Umwälzung der Sozialwiss.‘‘ (soeben in 2. Aufl. erschienen), „der Ursprung der
Familie, des Privateigentums und des Staats“ (im Anschlufs am Lewis H. Mor-
gan’s Forschungen, Zürich 1884), „die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie
zur Wissenschaft‘ (3. Aufl. Zürich, 1883), darlegt, enthalten sicher viel Richtiges und
die ganze Darstellung ist geistvoll. Die Quintessenz von der beständigen Weiterent-
wickelung alles sozialen Jiebens, daher auch seiner Rechtsordnung, ist zwar auch nicht
neu, jedoch wieder bemerkenswert erörtert. Der tiefere Mangel bleibt nur auch hier
wieder, das reiche mannigfaltige geschichtliche Leben in seiner ganzen Entwickelung auf
ein paar, eigentlich auf ein bestimmtes Hauptmoment zurückführen und dafür gleich-
sam eine Formel aufstellen zu wollen, unter Vernachlässigung aller anderen Einflüsse.
So wird die „materialistische Geschichtsauffassung‘‘ Grundlage einer neuen einseitigsten
Dogmatik.
2) Näher von mir durchzuführen gesucht in meiner „Grundlegung“. 2. Auflage.
S 108—109 e.
202 Adolph Wagner,
gesamten gesellschaftlichen Lebens und seiner Rechtsordnung, auch
seiner Privatrechtsordnung in der neueren Wissenschaft Gebrauch ge-
macht. Der Einfluß dieser Auffassungen und wissenschaftlichen „Fort-
schritte“ zeigt sich überall in der Gestaltung der Theorie der Volks-
wirtschaft. Dem ungeschichtlichen abstrakten Dogmatismus der
physiokratisch -britischen Okonomik, der „Schule der freien Konkur-
renz“, und dem lediglich deduktiven Verfahren Ricardo’s und vieler
Epigonen der älteren Meister hat sich die deutsche historische Rich-
tung der Nationalökonomie, der bloß apriorischen Deduktion und Kon-
struktion die historische und statistische Induktion aus den empiri-
schen Thatsachen des Wirtschaftslebens gegenübergestellt.
Wollen wir unparteiisch sein, so müssen wir dabei freilich wohl
anerkennen, daß es auch hier in unserer Wissenschaft ebenso wie in
anderen Wissenschaften gegangen ist und fortwährend geht: wie auch
Gustav Cohn in seinem prächtigen neuen Werke so richtig und so
billig denkend bemerkt, spielen in der speziellen Richtung der ein-
zelnen Männer der Wissenschaft stets die verschiedenen individuellen
Neigungen und die ihnen meist mit zu Grunde liegenden verschiedenen
individuellen Begabungen wie auch endlich mehr oder weniger zu-
fällige persönliche „Bildungsschicksale‘“ und „Lebensführungen“ der
einzelnen Forscher mit. Sie tragen nicht wenig dazu bei, wieder die
schärfere Einseitigkeit jeder „Richtung“ sich entwickeln zu lassen.
Und eben daraus, aus diesem Mitspielen des „subjectiven“ Elements
und damit überhaupt so manches fragwürdigen „Menschlichen“ auch
in der „Wissenschaft“, die ja stets nur in konkreten Personen und in
deren Geist als etwas Lebendiges existiert, erklärt es sich wieder, daß
jede „neue Richtung“ der „Wissenschaft“, der „Methode“, mit der
„wissenschaftlich“ gearbeitet wird, so berechtigt diese Richtung zu-
nächst gewesen sein mag, doch so gar leicht selbst wieder in eine
neue, wenn auch andere Einseitigkeit, als die bekämpfte, ausläuft und
in ihren Vertretern zu intoleranter Alleinherrschaft neigt: in der blos
nach „Wahrheit des Erkennens“ ringenden, aber von uns schwachen
Sterblichen betriebenen Wissenschaft nicht minder als in dem von
Interessenfragen beherrschten praktischen Leben. Dann muß immer
erst wieder eine neue Gegenströmung eintreten, um das richtige Maß
herzustellen. Nur daß auch in dieser sich wieder ähnliche Tendenzen
zur Einseitigkeit und Alleinherrschaft so leicht zeigen werden.
Die Geschichte aller Wissenschaften, der Philosophie zumal, auch
der neueren „exakten“ Naturwissenschaften, welche jetzt auch wieder
aus der bloßen stoffsammelnden Thätigkeit der sich auch hier gern
allein als „Forscher“ gerierenden „Beobachter“ zu philosophischer
Durchdringung und systematischer Bewältigung des Stoffs, zur tieferen
erkenntnis-theoretischen Begründung ihrer Methoden aufzuraffen be-
sonnen haben, — auch die Geschichte der uns nächst liegenden
Rechts- und Staatswissenschaften liefert reichliche Belege für das Ge-
sagte. Ein neuestes Beispiel bietet die Nationalökonomie.
Kaum daß hier, wie von einem Teil der jüngeren historischen
Nationalökonomen, vielleicht zumeist sogar von dem bedeutendsten
Systematische Nationalökonomie. 203
und produktivsten derselben, von G. Schmoller — der universelle
Altmeister Roscher und der größte deutsche Methodologiker des
Fachs, K.Knies, haben sich dieser Übertreibungen niemals schuldig
gemacht — kaum, daß hier nur noch die „exacte historische Forschung“
als „wissenschaftliche“ Nationalökonomie gelten gelassen werden soll,
mit einer gewissen Geringschätzung auf alle anderen Arbeiten, vollends
auf „dogmatische“ hingesehen und speziell der Beruf unserer Zeit zur
Systematisierung auf dem Gebiete rundweg geleugnet wird, so künden
sich auch schon in der deutschen Wissenschaft sofort Anzeichen an,
daß in solchen Auffassungen doch von vielen Fachmännern, selbst auf
die Gefahr hin — „noch“ oder „wieder“ — unter die „dogmatischen
— will wohl sagen: bornierten — Köpfe“ gereiht zu werden, eine
viel zu weit gehende Reaktion gegen die bisherige, die ältere, die
freilich euphemistisch und tendenziös sogen. „klassische“ National-
ökonomie, deren Ziele, Aufgaben, Methoden, Leistungen gefunden wird.
Stein, Schäffle, Rodbertus, Marx, so weit sie untereinander
abweichen, haben sich nicht irre machen lassen, auch in seinen be-
züglichen Versuchen der Verfasser dieses Aufsatzes nicht, und glauben,
die englischen „Klassiker“, die Herrmann, v. Thünen, v. Mangoldt
u. a. m. nicht ohne weiteres zum „alten Eisen“ werfen zu dürfen.
Und ebenso steht auch W. Roscher, der historisch-nationalökonomische
„Systematiker“, noch heute. Das große Schönberg’sche Handbuch,
das natürlich als Werk einer Reihe verschiedener Verfasser nicht ganz
einheitlich, nicht ohne Lücken und Widersprüche, aber im Ganzen
doch gelungen ist und im Einzelnen — und zwar gerade auch in der
Systematisierung, wiez.B. in den ausgezeichneten Arbeiten von
Lexis — Vorzügliches bringt, es beweist schon durch die bloße
Thatsache seines Erscheinens, daß eben doch „auch heute noch“ —
oder „schon heute wieder“? — viele Fachmänner die Aufgabe ihrer
Wissenschaft und ihrer Zeit nicht blos im Sammeln und Bearbeiten
historischen und statistischen Stoffs, und sei es auch in der gewiß
hochverdienstlichen Weise, aus der ersten Quelle selbst und den Ar-
chiven, erkennen.
Und — zugleich ein hocherfreuliches Zeichen für die Einheit
deutscher Wissenschaft auch noch nach der politischen Trennung —
von Österreich aus beginnt auf einmal gegen die Einseitigkeiten
und Übertreibungen des deutschen national-ökonomischen „Historismus“
eine sofort sehr scharfe, in der Form nur zu scharfe, litterarische
Gegenströmung. Ausgehend von den Anregungen und Arbeiten des
scharfsinnigen Lehrers und Gelehrten C. Menger in Wien, unter-
stützt durch E. Sax in Prag, bildet sich gleich eine förmliche „öster-
reichische“ junge nationalökonomische Schule in einer ganzen Anzahl
Wiener Gelehrten, unter denen v. Böhm-Bawerk (jetzt in Inns-
bruck) an kritischer Schärfe besonders hervorragt. Menger hat in
seinen „Untersuchungen über die Methode der Sozialwissenschaften
und der politischen Ökonomie insbesondere“ (Leipzig 1883) — auf
deren Inhalt ich mich an dieser Stelle nicht näher einzulassen beab-
sichtige, ich stimme im großen und ganzen von allen Kritikern Menger’s
204 Adolph Wagner,
am meisten H. Dietzel zu —, Menger hat sich m. E. wohl seiner-
seits vor neuen Einseitigkeiten nicht genügend gehütet. Er und
Schmoller bezeichnen wohl die äußersten diametralen Gegensätze in
den Fragen der Ziele und Aufgaben, der Methode, der Systembildung
und sind überhaupt nach Begabung, Neigung, Richtung, Studien,
Spezialitäten wahre Antipoden, wie sie freilich gerade die deutsche
Gelehrtenrepublik,, vielleicht nicht zum Schaden der Sache, nicht selten
aufweist. Mir scheint das Richtige so ziemlich in der Mitte zwischen
beiden Streitenden zu liegen, wenn ich auch meiner speziellen Neigung
und Richtung nach Menger’s Auffassung etwas näher stehe als der-
jenigen Schmoller’s, ohne deswegen die relative Berechtigung auch einer
anderen Stellungnahme in diesem Streite anzufechten. Nicht in Allem,
aber in Vielem scheint mir die Beweisführung Menger’s gegen die
Einseitigkeiten und Prätensionen des „Historismus“, vollends gegen
den Anspruch der Alleinherrschaft und der alleinigen Qualifikation
der „Wissenschaftlichkeit‘“ für die Arbeiten in der Weise der „historischen“
Nationalökonomie zutreffend. Denn wenn solche Ansprüche auch
natürlich nicht mit dürren Worten erhoben werden, so sind sie doch
zwischen den Zeilen zu finden, auch in der beliebten Stigmatisierung
anderer Arbeiten als „dilettantisch“ und seien es diejenigen der ersten
Denker des Fachs. Auch in der Anerkennung der Berechtigung der
deduktiven Methode und in der Forderung einer selbständigen rein
theoretischen Nationalökonomie sowie in den Erörterungen über das
Wesen, die Aufgabe, die Methode dieses Teils der gesamten politischen
Ökonomie scheint mir Menger viel Richtiges zu sagen und gut zu
begründen. Man kann dies, glaube ich, zugeben, ohne selbst gewissen
Hauptpunkten der Systematologie Menger’s, z. B. in Bezug auf die Art
der Trennung zwischen theoretischer und „praktischer“ National-
ökonomie, zuzustimmen. Selbst gewisse Übertreibungen Menger’s hin-
sichtlich des Werts und der Bedeutung der „theoretischen“ (oder
sogen. „allgemeinen“) Nationalökonomie erscheinen mir als ein viel
geringerer Fehler verglichen mit der gelegentlich schon bei einzelnen
hyperkritischen Fachmännern hervorgetretenen Tendenz, das Problem
einer „allgemeinen Theorie der Nationalökonomie“ überhaupt aus der
Wissenschaft und folgeweise z. B. eine bezügliche Vorlesung aus dem
Kollegiencyklus des Fachs ganz herauszuweisen: das Kind mit dem
Bade auszuschütten.
Anderseits war Menger’s Polemik gewiß mitunter zu scharf und
gegen die großen Verdienste der deutschen historisch-nationalöko-
nomischen Schule schon in seiner Hauptschrift nicht immer gerecht.
Vollends bedauernswert aber ist, daß sich Menger dazu hat hinreißen
lassen, in maßloser und durchaus ungerechter Weise Schmoller speziell
anzugreifen, in einer von Schmoller durchaus nicht provozierten ver-
letzenden Form. Denn wenn Schmoller auch in einer Rezension !),
durchaus seinem wissenschaftlichen und speziell methodologischen Stand-
punkte gemäß und eben deswegen auch meiner Auffassung nach zu
1) Jahrb. f. Ges. geb. 1883, III, 239 ff.
Systematische Nationalökonomie. 205
einseitig die Menger’sche Schrift beurteilt hat, wenn cr, wie es ihm
leicht passiert, auch ohne es wohl eigentlich zu wollen, durch den
Ton „von oben herab‘ gegenüber Arbeiten außerhalb seiner Richtung
und Neigung etwas verletzend wirkt, wie z. B. auch in der Kritik des
Schönberg’schen Handbuchs, so hat er doch eine Replik, wie die,
welche ihm Menger hat zuteil werden lassen, in keiner Weise ver-
schuldet. Schmoller’s Verdienste für die Erkenntnis der historischen
Entwickelung des Wirtschaftslebens und für die Ausbildung der Me-
thoden zur Förderung dieser Erkenntnis sind geradezu Bahn brechende
und Epoche machende und in letzterer Hinsicht m. E. größere als
diejenigen irgend eines anderen Nationalökonomen oder Historikers.
Eine pamphletistische Polemik, wie sie Menger sich in seiner Streit-
schrift „Die Irrtümer des Historismus in der deutschen National-
ökonomie“ (Wien, 1834) erlaubt, prallt an dem blanken wissenschaft-
lichen Schilde Schmoller’s ab und schadet nur der an und für sich
guten Sache, welche Menger vertritt, der berechtigten Tendenz, die
er verfolgt. Schmoller konnte dieser Polemik gegenüber nicht anders
handeln, als er es gethan: eine eigentliche Erwiderung ablehnen ?).
Das ist aber zu bedauern. Denn die sachlichen Streitfragen, die man
ja so ziemlich alle unter der Formel „erkenntnistheoretischer Kontro-
versen“ auf nationalökonomischem Gebiete zusammenfassen kann, sind
so wichtig und so schwierig, daß eine streng sachliche Diskussion
gerade unter Männern so antagonistischen Standpunkts wie Menger
und Schmoller nur förderlich sein kann. Es ist Menger nicht zuzu-
geben, dal Schmoller durch seine Rezension die Fortsetzung einer
solchen Diskussion unmöglich gemacht habe, sondern umgekehrt trifft
Menger dieser Vorwurf gegenüber Schmoller. Ich glaube, daß Menger
bei ruhiger Weiterführung der Erörterung in manchen Punkten der
sachlichen Kontroverse Recht behalten hätte. Vielleicht wird sich
das aus der ın hoffentlich nicht ferner Zeit zu erwartenden Fort-
führung des Menger’schen Werks ergeben.
Einstweilen ist es um so erfreulicher, daß auch von andrer Seite
in die Diskussion dieser wichtigen Fragen mit eingegriffen ist, bisher
namentlich, aber schon nicht mehr ausschließlich, von österreichischer
Seite. So im ganzen beistimmend.zu Menger, aber mit eigentümlichen
Ausführungen und Weiterführungen von Emil Sax?); jüngst von
Dargun in Krakau), von Schwiedland#), sodann in Deutsch-
land namentlich von Heinrich Dietzel, dessen Doktorschrift be-
reits, dann deren Fortführung in der Tübinger Zeitschrift und dessen
scharfsinnige Beiträge zu der Frage in der vorliegenden Zeitschrift
eine im ganzen dem Menger’schen Standpunkt sich nähernde, aber
1) Jahrb. f. Ges. geb. 1884, II. 333.
2) Wesen und Aufgabe der Nat.-Ökon. Wien, 1884. $. darüber Hasbach,
Beitr. z. Methodol., Jahrb. f. Gesetzgeb. 1885 S. 545.
3) Egoismus und Altruismus Leipzig, 1885. Ein Versuch eines eigentümlichen
Parallelsystems ‚‚egoistischer‘‘ und „‚altruistischer‘‘ Handlungen im Wirtschaftsleben.
dessen nähere Erörterung ich mir hier versagen muß.
4) L’historisme &conomique allemand. Paris 1885 (aus d. J. d. Econ., Juli).
206 Adolph Wagner,
auch Menger’s Lehren mehrfach berichtigende Auffassung vertreten !).
Sie scheinen mir in der bisherigen Diskussion die relativ richtigste
Ansicht darzulegen und gut zu begründen.
Nicht ohne ein gewisses Behagen wird derjenige, welcher mehr
einen vermittelnden Standpunkt einnimmt — der tertius gaudens,
wird man sagen — beobachten, wie die beiden antagonistischen
Richtungen jede für ihre spezifische Methode und für ihre spezifischen
wissenschaftlichen Ergebnisse das Epitheton „exakt“ förmlich als
technischen Ausdruck ausschließlich in Anspruch nehmen. Vollends
erheiternd wirkt dabei dann die Wahrnehmung, daß auch noch eine
dritte Richtung für den Kampf um dies Epitheton auf den Plan tritt,
— diejenige des Herausgebers der „Volkswirtschaftlichen Vierteljahr-
schrift“, des Herrn Wiß, der sein und der Seinen Manchestertum
und dessen Elaborate allein als „exakte Wissenschaft“ gelten läßt und
auf die deutsche Universitäts-Nationalökonomie, welcher „Richtung“
inmer, von seiner Höhe etwa ähnlich erhaben herabsieht, wie die
K. Marx und Fr. Engels von der ihren 2). Sollte dies Männer von
der durchaus verschiedenartigen, aber doch beiden von jedem un-
parteiischen fachmännischen Beurteiler zuzugestehenden hohen wissen-
schaftlichen Bedeutung wie Schmoller und Menger nicht darüber etwas
stutzig machen, ob denn mit einer meinem Gefühl etwas ruhmredig
klingenden Vindikation eines solchen Epithetons irgend etwas ge-
wonnen wird? Mindestens müßte doch, wie gesagt, eine „methodolo-
gische“ Untersuchung erst vorangehen, ob und wie weit auf dem Ge-
biet der Nationalökonomie von „exakt“ überhaupt geredet werden
darf und was unter diesem „inexakten“ Ausdruck „exakt“ in speziel-
lem Falle, wo ihn ein Jeder braucht, verstanden werden soll.
In der berührten Streitfrage, deren Auffassung für die „systematische
Nationalökonomie“ fundamental ist, hat man von Seiten der historischen
Nationalökonomie auch wohl von einer völligen Erschöpfung der „ab-
strakten“ und „dogmatischen“ theoretischen Arbeit gesprochen. Die
sozialistischen Arbeiten über Wert, Mehrwert, Rente, Verteilung, auch
die neueren Arbeiten der Wiener Menger’schen Schule über Wert,
Unternehmergewinn (Wieser, Groß, Mataja) zeigen doch, daß auch
dieser Vorwurf unrichtig ist. Die Arbeiten über Geld und Kredit be-
weisen es heute wie früher. Bedürfte es aber noch eines besonderen
Beleges dafür, daß im Geiste der Menger’schen Richtung gerade in
der reinen Theorie der Nationalökonomie noch große, interessante und
diejenigen der rein wirtschaftshistorischen Arbeiten an wissenschaft-
1) Über d. Verhältnis der Volkswirtschaftslehre z. Sozialwirtschaftslehre, Berlin,
1882. — Der Ausgangspunkt der Soz.-Wirtschaftslehre und ihr Grundbegriff.
Tüb. Zeitschr. 1883, 39 S. 1—80. — Beiträge z. Methodik d. Wirtsch.-Wissensch. Diese
Jahrb. 1884, 43 (N. F. 9) S. 17 —44, 193 —259.
2) Siehe auch meine erwähnte Besprechung und Antikritik des Schönberg’schen
Wandbuchs. Tüb. Ztschr. 1883, S. 170. Ebenso schon früher Jahrg. 1879 S. 597.
Berl. volksw. Vierteljahrschr. 1878, N. 4. S. 66: „Einige ältere Professoren ausgenommen
sind fast alle Professoren der Volkswirtschaft auf deutschen Universitäten exakter
Wissenschaftlichkeit baar“. „Die echte Wissenschaft der Volkswirtschaft
besteht fast nur außerhalb des Kreises der Universitäten“, (Wiß.)
Systematische Nationalökonomie. 207
licher Schwierigkeit, weil in Bezug auf Anforderungen an die Denk-
kraft übertreffende Probleme zu lösen sind, so liefert dafür das aus-
gezeichnete Werk von E. v. Böhm-Bawerk über die Kapitalzins-
theorien doch wohl den vollgültigsten Beleg!). Der Gegenstand der
Untersuchung des ebenso fleißigen als scharfsinnigen Verfassers ist
das „Kapitalzinsproblem als solches“, d. h. die Frage, wie sich über-
haupt die Thatsache des Zinses, welcher dem Kapitalisten zufließt,
erklärt, woher und warum er diesen Zins empfängt, — das „theo-
retische‘“ Zinsproblem, „warum der Zins da ist“, das v. Böhm-Ba-
werk von dem „sozialpolitischen“ Zinsproblem unterscheidet, ob er
überhaupt da sein soll; ob er gerecht, billig, nützlich, gut und ob
er darum beizubehalten, umzugestalten oder aufzuheben sei. Der
Verfasser sucht zu beweisen, daß keine der bisherigen Theorien zur
Erklärung des Zinsbezugs und damit zur nationalökonomischen Be-
sründung seiner allgemeinen Notwendigkeit genüge, daß aber auch
die prinzipiellen Angriffe des Sozialismus eben nur das „sozial-
politische“, nicht das „theoretische“ Zinsproblem beträfen. Man mag
dem Verfasser beistimmen oder nicht?), das Verdienst hat seine
Schrift gewiß, daß sie das Problem als ein rein nationalökonomisches
richtig stellt und es sehr bemerkenswert erörtert, zunächst in dem
bisher allein vorliegenden ersten Bande dogmengeschichtlich und
mittelst einer Kritik der verschiedenen Erklärungs- und Begründungs-
theorien des Zinses. Niemand, wenigtens Niemand, der ein wenig
unter die Oberfläche der wirtschaftlichen Erscheinungen des histori-
schen Lebens sieht, wird übersehen, daß das Ergebnis einer solchen,
„rein theoretischen“ Erörterung des „theoretischen Zinsproblems“ auch
für das „sozialpolitische“ oder praktische Zinsproblem von Bedeutung
: enn man, wie v. Böhm-Bawerk vorläufig nur andeutet, eine
wirkliche Begründung des Zinses als eines rein-ökonomischen Faktors
geben kann, so folgen daraus sehr wichtige Konsequenzen auch für
ein Gemeinwesen ohne das Rechtsinstitut des Privatkapitals, für
einen „Sozialstaat“. In Rodbertus’ Redeweise: erst nach dem Ge-
lingen einer solchen Begründung ist der Zins eben eine rein-Ööko-
nomische Kategorie, keine blos historisch-rechtliche
Kategorie des Wirtschaftslebens und daher in jeder denkbaren Or-
ganisation der Volkswirtschaft notwendig vorhanden. Und eine solche
Ansicht hat auch für eine Menge positivster konkreter Fragen der
Wirtschaftspolitik und des historischen Wirtschaftslebens ihre Trag-
weite. v. Böhm-Bawerk hat somit m. E. durch sein vortreffliches
Werk, dessen Fortsetzung ich mit Spannung entgegensehe, bewiesen,
daß sein Lehrer Menger, der „bahnbrechende Forscher“ (wie? werden
1) Kapital und Kapitalzins. 1. Abth. Geschichte und Kritik der Kapitalzins-
theorien. Innsbruck, 1884.
2) Die ‚deutsche Arbeitstheorie‘“, in die der Verf. Schäffle's und meine Ansichten
über die Begründung des Zinses (8. 352 ff,) einreiht, scheint mir doch mit der Be-
merkung, daß sie nur zur sozialpolitischen Rechtfertigung, nicht zur theoretischen Fr-
klärung des Kapitalzinses dienen könne, noch nicht genügend widerlegt und erledigt
zu sein.
208 Adolph Wagner,
die Vertreter einseitigen Historismus’ fragen, die diesen Namen „For-
scher“ mit Unrecht und Überhebung für sich allein vindizieren), dem
er sein Werk gewidmet hat, mit vollem Recht den Nationalökonomen
auf die spezifisch eigentümlichen Aufgaben seiner Wissenschaft hin-
weist; daß Menger mit Recht gegen das Ansinnen Front macht, in
wirtschaftsgeschichtlichen Forschungen und statistischen Untersuchungen
die Aufgabe der Nationalökonomie erschöpfen zu wollen, weil —
die eigene Neigung und Begabung etwa den Einzelnen gerade auf
dieses Gebiet hinweisen. Nur sollten auch Menger und seine An-
hänger nicht wieder in denselben Fehler verfallen, den sie an ihren
Gegnern rügen und jene historischen und statistischen Arbeiten und
deren Vertreter unterschätzen. Auch hier heißt es: nicht das Eine
oder das Andere, sondern das Eine und das Andere ist geboten.
Und nur hocherfreulich ist es, wenn in dem regen wissenschaftlichen
Leben der heutigen deutschen Nationalökonomie in verschiedenen
Richtungen und mit verschiedenen Methoden rüstig gearbeitet und
Tüchtiges zu leisten gesucht wird. Es sollte nur immer dabei des
a gedacht werden: „Es sind mancherlei Gaben, aber esist Ein
eist“,
So liegt hier in unserer Disziplin ein neues Beispiel von wichtigen
wissenschaftlichen „Richtungskämpfen“ vor, wobei hoffentlich das alte
Wort „aus der Meinungen Reibung geht das Licht hervor“, seine er-
neute Bestätigung finden wird.
Nichts ist für den wahren Fortschritt der Wissenschaft m. E.
nachteiliger, als wenn sich eine bestimmte, der Begabung, Neigung
und dem Bildungsgang der einzelnen Gelehrten besonders angepaßte,
an sich berechtigte, ja notwendige Richtung einer Wissenschaft die
Alleinherrschaft anmaßt, sich wobl gar kurzweg mit „der Wissenschaft
als solcher‘ identifiziert. Das hat dann immer jene „Schulenbil-
dung“ im schlimmen Sinne des Worts, jene „Verschulung“ des
Fachs zur Folge, welche — wie man es ähnlich so oft in der Kunst
erlebt hat — stets mit geistloser Nachahmung der durch einzelne Kory-
phäen angebahnten Richtung seitens einer Schar unbedeutender,
im Technischen, Handwerksmässigen geschulter, aber nur um so hoch-
mütigerer Nachtreter endet. Überhebung Männern anderer Richtung
und deren Leistungen gegenüber, kliquenhafte Exklusivität sind die
unerfreulichen begleitenden Erscheinungen. Nach der eigentümlichen
Einrichtung unserer deutschen Universitäten mit ihrem Quasi-Koop-
tationsrecht hat das auch notorisch noch andere Gefahren. Bei Be-
rufungen und Anstellungen könnten sich wohl entsprechende persön-
liche und Parteieinflüsse, förmliche „Richtungskliquen“ ') geltend machen,
welche bedenklicher wären und vielleicht einflußreicher und häufiger
würden, als das unseren Universitäten so oft sehr übertrieben vorge-
worfene persönliche Koterie- und Gevatterschaftswesen, welches immer
wieder leichter eine Ausgleichung findet. Wer das deutsche Univer-
1) So glaubte ich diese Dinge schon in meiner Finanzwissenschaft, 3. Aufl. 1, 347
bezeichnen zu können, wo Weiteres.
Systematische Nationalökonomie. 209
sitätsleben kennt, wird die angedeuteten Gefahren in den verschieden-
sten Fächern nicht ganz leugnen können. Auch deswegen ist es umso
erfreulicher, wenn, wie in dem obigen Beispiel der Nationalökonomie,
Einseitigkeiten und Übertreibungen einer Richtung immer wieder bald
in dem Kreise der Fachgenossen selbst Reaktionen hervorrufen und so
ihre Berichtigung finden.
Sollte es denn wirklich gerade Gelehrten so schwer fallen, die
unbestreitbare Thatsache der Verschiedenartigkeit — nicht nur,
wie selbstverständlich, des verschiedenen Grades — der Begabung
und der zumeist daraus hervorgehenden -xerschiedenen Neigungen,
Richtungen, Methoden-Verwendungen a den unge-
heuren Vorteil dieser Thatsache für eine vielseitigere Pflege der
Wissenschaft zu begreifen? „Jeder geht seine durch die ursprüng-
liche geistige Konstitution angewiesene Bahn“ (Laas)!). Es giebt
eben einmal mehr zum deduktiven Verfahren, mehr zur Systemati-
sierung, Generalisierung, Dogmatisierung, veranlagte, in der That
„mehr dogmatische Köpfe“, wie es andere mehr zur Induktion, zur
geschichtlichen und statistischen Forschung bestimmte und sich be-
stimmende ‚mehr historische Köpfe“ giebt. Die einen neigen mehr
zu Spezialitäten, selbst zur Mikrologie, die anderen fühlen sich mehr
zur systematischen Zusammenfassung und Verarbeitung hingezogen.
Jede solche „Richtung“ hat ihre Stärke und ihre Schwäche, birgt
Vorzüge und Gefahren in sich. Die einen spezialisieren oft zu sehr,
verkennen das Generelle, „sehen den Wald vor lauter Bäumen nicht“.
Die anderen generalisieren oft zu sehr, verkennen das Spezielle, „sehen
die Bäume vor lauter Wald nicht“. Bleiben beide in ihren richtigen
Schranken, so entfällt auch der Grund zu dem beliebten Verdikt
gegen die anderen. Haben alsdann die einen Grund auf die anderen
oder diese auf jene herabzuschen und sich zu überheben, ihre Lei-
stungen, will sagen sich selbst alkein gelten zu lassen? Nicht aus
seiner „Richtung“, sondern aus dem, was er in seiner Richtung schafft,
folgt für einen Jeden der Wert seiner Leistungen und der Anspruch
auf Anerkennung. Und erst die verschiedenartige Gesamtarbeit aller
fördert die Wissenschaft in der gebotenen Weise. —
Es hat mich in hohem Maße gefreut, einer ähnlichen Auffassung
der „Richtungsfragen“ in dem neuen systematischen Werke von Gustav
Cohn zu begegnen. Sein ganzes Buch habe ich von der ersten bis
zur letzten Zeile mit einem Interesse durchgelesen, wie selten ein
Buch des Fachs, auch in allen Hauptfragen, speziell in der Methodo-
logie, mit frohlockender Zustimmung zu dem Verfasser, wie ich sie
nicht oft einem Autor gegenüber empfunden habe, am Meisten noch
Rodbertus und Schäffle gegenüber. Auch Gustav Cohn, auch der „erste
volkswirtschaftliche Essayist“, wie wir ihn gern nannten — wahrlich
ausschließlich im rühmenden, nicht im ironischen Sinne, wie er es
1) Beilage zur Allgem. Ztg. in dem Nekrolog von Natorp über Laas, 1885,
Nr. 291.
910 Adolph Wagner,
selbst mitunter abwehrend auffaßte — auch er unter die „Systema-
tiker“ gegangen und mit ausgezeichnetem Erfolge!
Aber das ist es nicht, was ich im Augenblick besonders hervor-
heben will. Mit wahrhaft freudiger Genugthuung begrüße ich zunächst
hier nur die verwandte Stellungnahme Cohn’s zu den oben berührten
Streitfragen in Bezug auf die Aufgaben und auf die Behandlung
unserer Wissenschaft. Mit der hohen Objektivität, in dem feinen
Geiste und in der schönen Form, welche diesen Schriftsteller auch in
diesem großen neuen Werke zieren, äußert er sich hierüber gleich im
Anfang seines Vorwortes folgendermaßen:
„Es giebt zwei Standpunkte, von denen aus man die Entwicklung der Wissenschaf-
ten betrachten kann. Der eine gewährt uns die Ansicht der beständigen Unfertigkeit
und der wachsenden Fragwürdigkeit ihrer Wahrheiten, der daher zunehmenden Intensität
ihres Anbaus und der unentwirrbaren Notwendigkeit der Arbeitsteilung. Hieraus folgt
ein Gefühl des Zweifels an dem fremden und namentlich (?) dem eigenen Wissen, eine
Selbstbeschränkung bei Ausdehnung des Arbeitsfeldes und bei der Zuversicht der Ergeb-
uisse, welche überwiegend ablehnend nach aufsen hin wirkt, an mitteilbaren Früchten
aber wenig anderes zurückläfst als die Uberlieferung der Methoden zur Fortarbeit in
diesem mühseligen Unternehmen. — Der andere Standpunkt duldet solche Skepsis
nicht: von ihm aus sehen wir in die unablässigen Forderungen des Lebens hinein, welche,
gleichviel wie unvollkommen die Ergebnisse der Wissenschaft sein mögen, in jedem
Augenblick ihr zumuten, Rede zu stehen und Antwort zu geben. Sie können mit gutem
Grunde sich darauf berufen, dafs jeder Zustand der Wissenschaft, und sei er noch so
unfertig, dem Leben dienlicher sei, als gar keine Wissenschaft; sie können namentlich
geltend machen, dafs, wollte man auf die endgültigen Ergebnisse der Wissenschaft war-
ten, das Leben sich mit endloser Geduld zu waffnen hätte und — schmählich betrogen
würde.‘
Cohn erinnert dann mit Recht daran, dafs dieser letztere Stand-
punkt für den akademischen Lehrer schon der Lehrthätigkeit wegen
geboten sei. Und so hat denn auch er gedacht: „ich wag’s“, und
nach dem vorliegenden ersten Bande zu schließen darf man dazu ihm
selbst wie unsrer Wissenschaft Glück wünschen. —
Ich glaube meine im Vorausgehenden angedeutete, gleichfalls ver-
mittelnde, aber der Systematik “nd selbst der Dogmatik gegenüber
einseitigem und unlogisch verfahrendem Historismus ihr Recht vindizie-
rende Ansicht nicht besser als mit den angeführten Worten zusammen-
fassen und mit dem Hinweis auf das ganze Buch von Gustav Cohn
begründen zu können. Auch er folgert für das Ganze der Wissenschaft
„die bloß relative Berechtigung der einzelnen Methoden und vol-
lends der individuellen Forschungsweisen“ (S. 9). Auch er erinnert
an das Wort „es sind vielerlei Gaben und Ein Geist“ und an das
verwandte „in meines Vaters Haus sind viele Wohnungen“. Das und
nichts andres war der leitende Gesichtspunkt meiner vorausgehenden
Bemerkungen, Niemandem zu Liebe und Niemandem zu Leide, nur
mit dem Wunsche, nach allen Seiten um ein wenig Billigkeit gegen
einander und Verständniß für einander zu bitten. —
Systematische Nationalökonomie. 211
Il.
Gustav Cohn hat sich seit bald zwei Jahrzehnten als einer der
geistvollsten, fruchtbarsten und vielseitigsten deutschen wissenschaft-
lichen Nationalökonomen der Gegenwart bewährt. Seine feinen Ar-
beiten über Kredit und Differenzgeschäfte, über Colbert und Boisguil-
bert schon aus der ersten Zeit seiner litterarischen Thätigkeit, sein
großes, preisgekröntes Werk über englische Eisenbahnpolitik mit der
jüngsten Fortsetzung, die bedeutendste volkswirtschaftliche Monogra-
phie dieses Gebiets, seine Aufsätze über praktische Probleme,
Wehrsteuer, Fabrikgesetzgebung, Züricher Einkommensteuer, seine zum
Teil auch ins staatsrechtliche Gebiet hinüberreichenden Abhandlungen
über schweizer Verhältnisse, seine „tiefgrabenden“ Versuche über
schwierige, wahre Grundprobleme der Sozial- und Staatswissenschaft
betreffende Prinzipienfragen, Ehre und Last in der Volkswirtschaft,
Arbeit und Armut u. a. m., zuerst in den Fachzeitschriften erschienen,
im J. 1882 zum Teil überarbeitet und gesammelt herausgekommen t),
seine anonymen aber dem Fachmann wohlbekannten und hochgeschätz-
ten kritischen Übersichten über neuere Litteratur der Nationalökonomie
in der „Allgemeinen Zeitung“ — alle diese Arbeiten legen Zeugnis
ab von des Verfassers außergewöhnlicher Vielseitigkeit und Produk-
tivität, alle gehen auf die tieferen und schwierigeren Probleme von
Gesellschaft, Volkswirtschaft, Staat, von Sitte, Moral, Recht in echt
philosophischem Sinne ein, alle zeugen von seinem Geiste, seiner
Kenntnis, seiner Objektivität. Und dieser ausgezeichnete Fachschrift-
steller hohen wissenschaftlichen Ranges mußte gleichwohl anderthalb
Jahrzelinte darauf warten, daß eine deutsche Universität ihn als ihren
Lehrer berief, mußte Jahre lang sich bei so zahlreichen Vakanzen
nationalökonomischer Lehrstühle regelmäßig übergangen sehen, bis
endlich die altberühmte Georgia-Augusta ihn und sich ehrte, indem sie
ihm die dort neu begründete zweite ordentliche nationalökononische
Professur (Ostern 1884) übertrug und ihm damit den ihm gebührenden
Wirkungskreis auch als akademischer Lehrer eröffnete. Ist diese
langjährige Zurücksetzung Cohn’s nicht ein Beispiel dafür, dab die
Gefahren, auf die ich im vorigen Abschnitt hinwies, nicht bloß in der
Einbildung bestehen? —
So wertvoll Cohn’s Arbeiten in sachlicher Beziehung, so haben
sie indessen noch einen spezifischen Vorzug: eine vortreffliche, mit-
unter meisterhafte Form der Darstellung. Es heißt nur der Wahr-
heit die Ehre geben, wenn man ihm in diesem, von uns deutschen
Gelehrten immer noch nicht gebührend gewürdigten Punkte unter
allen Schriftstellern seines Fachs die Palme reicht. Zwei Epitheta
darf man m. E. vor allem auf G. Cohn und seine schriftstellerische
wissenschaftliche Thätigkeit mit vollem Rechte anwenden; er ist einer
der geistvollsten Autoren, im wahren und besten Sinne dieses
Worts — fern von bloßer Geistreichelei — und seine kleineren wie
1) Stuttgart bei Cotta. Die gröfseren Aufsätze von Cohn in diesen Jahrbüchern,
der Tübinger Zeitschr., dem Jahrb. für Gesetzgebung u. s. w., der histor. Zeitschr., der
preufs. statist. Zeitschr. — Ein weiterer Sammelband der Cohn’schen Aufsätze, unter
Einbeziehung mancher aus der Allg. Zeitung, wäre sehr erwünscht.
212 Adolph Wagner,
größeren Arbeiten sind wahrhaft geschmackvoll geschrieben, daher
auch für denkende gebildete Leser gar nicht genug wegen ihrer Les-
barkeit zu empfehlen. Die Bezeichnung als „erster Essayist des Fachs“
verdankt Cohn diesen beiden Eigenschaften. Ich will die mit solchen
glänzenden Eigenschaften, wie so oft in solchen Fällen, verbundenen
Gefahren, mitunter etwas zu sehr über dem Gegenstand zu schweben,
statt ihn zu fassen, und im Stil bisweilen etwas an Manier zu strei-
fen, nicht verkennen. Ganz hält sich wohl auch Cohn nicht immer
davon frei. Aber im Wesentlichen thut er es und bewährt sich so
als Meister des Stoffs und der Form. Er erschöpft den Gegenstand,
den er behandelt, nicht, er führt öfters durch seine Erörterung mehr
ins Problem hinein, indem er im Axiom das Problem findet und
es herausschält, als daß er sich auch nur die Aufgabe stellt, das
Problem völlig zu erledigen und zu lösen. Nicht selten möchte be-
sonders der Fachmann die Erörterung da noch weiter geführt haben,
wo sie Cohn beendet und als beendet ansieht, jedenfalls sie abbricht.
Auch von dem neuen Werke gilt dies mehrfach. Cohn besitzt aber
so das Geheimnis des Erfolgs des Schriftstellers gerade bei der Elite
der Leser: er sagt nicht alles. Er ist auch als fachmännischer
Schriftsteller Künstler, etwa in dem Sinne wie Ranke unter den
Historikern. Kein aufmerksamer Leser, der nicht die stärkste Anregung
zum weiteren Durchdenken des behandelten Problems durch Cohn
erhält, der nicht förmlich befruchtet wird von vielen Gedankenblitzen
und erleuchtet wie gehoben durch den Hinweis auf die tieferen Zu-
sammenhänge der Dinge. Wie Ranke gewährt Cohn so ästhetische
Befriedigung in einer auf nationalökonomischem Gebiete seltenen und
in der That durch die Beschaffenheit des Stoffs hier erschwerten Weise.
Diese Form seiner Schriften bedingt dann freilich, daß Cohn mit
der Beibringung und Einfügung von Material, von historischen,
statistischem, legislativeim, litterarischem Stoff stets sparsam ist, für
den Leser, der sich darüber unterrichten will, oft, auch für den Fach-
mann mitunter zu sparsam. Aber den Stoff, welchen Cohn bringt,
hat er stets vortrefflich ausgewählt und in geschmackvollster Form
benutzt er ihn zur Beweisführung. Was seine Arbeiten auf diese
Weise vielleicht an Benutzbarkeit zu unmittelbaren Lehr- und Lern-
zwecken verlieren, gewinnen sie so wieder an Lesbarkeit und, was
nicht unwichtig ist, sie verdanken dieser Beschaffenheit ihren mäßigen
Umfang, ihre Konzentration und Prägnanz.
Auch das neue systematische Werk zeigt diese formellen und
materiellen Vorzüge wieder in hohem Maße. Ich glaube keinem ande-
ren deutschen Fachschriftsteller oder dessen Werken zu nahe zu
treten, wenn ich Cohn’s Schrift als das bestgeschriebene, les-
barste Buch über allgemeine theoretische Nationalökonomie in der
ganzen deutschen Fachlitteratur bezeichne. Dabei handelt cs diesen
umfangreichen und auch formell schwierig zu behandelnden Gegen-
stand in einem immerhin mäßigen Bande von 650 Seiten Großoktav
vollständig ab. Das will um so mehr besagen, da es einen größeren
methodologischen und auch einen eigenen litterargeschichtlichen
Abschnitt enthält und so manches in die „Grundlegung“ der Na-
Systematische Nationalökonomie. 213
tionalökonomie hineinzieht, was andere ältere Autoren gar nicht
erörtern, auch Roscher im Ganzen noch wenig berührt, und von den
Neueren nur Schäffle und ich in der „allgemeinen Nationalöko-
nomie“ überhaupt mit behandeln. Ich habe aber viel umfangrei-
chere und doch noch nicht einmal abgeschlossene Darstellungen ge-
braucht (in meiner „Grundlegung“), um die Organisationsfragen und
bloß die prinzipiellen Fragen der Rechtsgrundlagen der Volkswirtschaft
zu behandeln und sehe mit einer gewissen Bewunderung, welche
Fähigkeit der Beschränkung Cohn auch hier wieder bewiesen hat.
Diese relative Kürze und Knappheit bei gedankenreichem, form-
vollendetem Inhalt seines Buchs erreicht Cohn nun allerdings auch in
diesem systematischen Werke auf ähnliche Weise wie in seinen
Essays im Vergleich mit anderen Autoren und deren Büchern. Er
verfolgt auch hier die gestellten Probleme nicht bis in alle Einzelheiten
hinein, er vermeidet Exkurse fast ganz, erörtert litterarische Streit-
fragen verhältnismäßig kurz oder berührt sie gar nicht. Den gelehrten
Apparat, die „überkommenen (?) Citatenschätze“, speziellere Litteratur-
angaben, Belegstellen, Hinweise auf die Quellen, auch auf diejenigen
für manche Gedanken und Ausführungen, die der Minderkundige dann
doch leicht ohne Weiteres dem Autor selbst zuschreibt, beschränkt
der Verfasser sehr oder läßt sie ganz weg, wie er das im Vorwort
auch als seine Absicht ausdrücklich bezeichnet. Dadurch fehlt dem
Buche etwas, was anderen gelehrten Werken dieser Art ihren spezi-
ellen Wert giebt und besonders in deutschen systematischen Werken
vieler Wissenschaften, die mit für Lehr- und Lernzwecke bestimmt
sind, doch wohl nicht ohne gute Gründe bis heutigen Tags beibehalten
worden ist, trotz des kleinen oder großen Zopfes, der hier öfters durch-
blicken mag, von Gelehrteneitelkeit ganz zu geschweigen. Vielleicht
auch mit Rücksicht auf diese Form nennt Cohn sein Buch nicht, wie
üblich, ein Lehrbuch, sondern ein Lesebuch für Studierende. Daß
in der Citatenanhäufung mitunter zu weit gegangen wird, Einzelnes
aus den „Citatenschätzen“ sich bisweilen von Buch zu Buch vererbt, will
ich zugeben. Aber für den neuen Jünger der Wissenschaft und schon
aus äußeren Gründen der bequemen Benutzung auch für den Fach-
mann hat das umfassendere und speziellere Citieren doch auch erheb-
liche Vorteile. Und noch wesentlicher erscheinen mir zwei auf andere
Weise schwerlich ebenso zu erreichende Vorteile für den Autor selbst,
derentwegen Mancher es beibehalten mag, welcher es sonst mit Rück-
sicht auf Umfang, Form und Lesbarkeit seiner Bücher auch wohl sehr
beschränken oder ganz unterlassen möchte. Einmal hilft es und nötigt
es selbst den Autor zu schärferer Selbstkontrole und bewirkt, daß er
sich weniger leicht, als sonst wohl geschehen würde, auf das Ge-
dächtnis verläßt, damit aber ungenauer und unzuverläassiger wird.
Sodann ist es für den Autor ein gutes Mittel, um jedem anderen,
aber ebenso sich selbst bezüglich der Originalität und Priorität von
(Gedanken und Ergebnissen gerecht zu werden und sich selbst vor
dem bloßen, immer peinlichen Verdacht zu hüten, die Ideen Anderer
für die seinen ausgeben, sich mit fremden Federn schmücken zu
N. F. Bd. XI. 15
914 Adolph Wagner,
wollen. Ich darf von mir selbst bekennen, daß gerade eine Befürch-
tung letzterer Art mich dazu bestimmt hat, im Citieren eher zu weit
zu gehen, als einen derartigen Verdacht nur aufkommen zu lassen.
Diesen Bemerkungen liegt selbstverständlich nichts ferner, als
einem so ausgezeichneten und vor allem geistig so selbständigen
Autor wie Gustav Cohn und seinem trefllichen Buche einen Vorwurf
aus dieser Beschränkung des gelehrten Apparats machen zu wollen. Es
handelt sich für mich dabei umgekehrt um eine gewisse Rechtfertigung
in Form dieser kleinen oratio pro domo gegen einen Vorwurf, der
indirekt wenigstens in Cohn’s Vorgehen und direkt in seinen gelegent-
lichen Bemerkungen, so schon im Vorwort, gegen die schwerfälligeren
Werke andrer Autoren erhoben wird. Im Übrigen spielt hier, wie in
anderen Formalien die Frage hinein, öb überhaupt und wieweit in ge-
lehrten Werken der Gesichtspunkt der künstlerischen Gestaltung des
Stoffs die Art der Formgebung und Beweisführung mit zu bestimmen
hat: die noch nicht ausgetragene Kontroverse in der Geschichts-
schreibung, welche gerade jüngst wieder in der „Historischen Zeit-
schrift“ aufgenommen worden ist!). Neben den rein sachlichen Ge-
sichtspunkten und dem unmittelbaren Zweck und Leserkreis, für den
ein Buch bestimmt ist, werden hier m. E. wieder die Individualitäten
der Autoren stets ein Wort mitsprechen und ich glaube, ganz mit
Recht. So entspricht denn das Verfahren G. Cohn’s auch in diesem
Punkte dessen ganzer Autoren-Individualität.
Cohn hat ferner in seinem Buche eine geschmackvolle und im
Ganzen wohl ausreichende litterargeschichtliche Skizze gegeben, wel-
che namentlich über das Hauptsächliche, worauf sie sich durchaus
beschränken will, gut orientiert, wenn auch die Ansichten über die
gerade nach diesem Gesichtspunkte hier zu nennenden, wirklich ge-
nannten und besprochenen, wie auch ebenso sehr über die nicht ge-
nannten Schriftsteller, vollends in Bezug auf die neueste Fachlitteratur
und auf die Generation der Lebenden und Wirkenden, hier immer
etwas auseinandergehen werden (s. u. u. V). Außerdem liefert Cohn
an der Spitze der Abschnitte Hinweise auf die wichtigsten unmittel-
bar hergehörigen litterarischen Hilfsmittel, Zusammenstellungen, die
allerdings nicht immer gleichmäßig und in einigen Fällen etwas zu
dürftig geraten sind.
Weniger einverstanden möchte ich mich mit der zwar vornehmen
und dem genau unterrichteten Leser auch meistens genügenden Weise
erklären, wenn mehrfach bei Kontroversen, Dissensen, in polemischen
und in zustimmenden Erörterungen von Einzelfragen die betreffenden
Autoren, welche der Verfasser im Sinne hat, gar nicht genannt
werden, ein Verfahren, das ja auch sonst mitunter befolgt wird, z. B.
von Lotze im Mikrokosmos. Es werden dabei an die Leser Anfor-
derungen gestellt, denen die wenigsten entsprechen, vollends nicht
1) Ullmann, über wissenschaftl. Geschichtsdarstellung, Histor. Zeitschr. 1885,
54, 8. 42 ff. Auch er sagt: „‚Fortlaufende Anmerkungen sind ein wichtiges Mittel der
Selbstkontrole für den Autor, das durch nichts anderes zu ersetzen ist‘,
Systematische Nationalökonomie. 215
Studierende Und wenn auch kein Lehrbuch, doch ein Lesebuch
gerade für letztere will Cohn ja bieten und bietet es in der That,
wenigstens für die Elite, gewiß wahrhaft vorzüglich. Als ein Beispiel
nenne ich die an meine spezielle Adresse gerichtete „Vernichtung“
meiner Lehre und des ganzen Begriffs von den „Gemeinbedürfnissen“,
eine polemische Erörterung, mit der ich die Frage übrigens noch
nicht für abgeschlossen und den Kern meiner Lehre noch nicht für
widerlegt ansehen kann, so wenig als durch einen bezüglichen früheren
Aufsatz Cohn’s t).
Eine gewisse Kategorie von Einzeleitaten wird übrigens von Cohn
mit einiger Vorliebe gepflegt: solche nicht aus Fachschriften, sondern
aus der sonstigen Litteratur, hie und da den alten Klassikern, dann
aus neueren philosophischen, rechtsphilosophischen und derartigen
Werken (z. B. Jhering). Die reiche und ausgewählte Belesenheit des
Verfassers, aber — am Ende doch auch ein wenig von dem Wesen
des alten Citaten-Adam der Gelehrten, den er sonst abgestreift hat,
tritt darin hervor. Oder täusche ich mich?
Alles in allem gewinnt das Cohn’sche Werk durch diese formelle
Seite und durch seine weiteren eminenten Vorzüge, namentlich auch
durch seinen glänzenden Stil?) eine Lesbarkeit, die es den besten
fremden, selbst den in der Form meist so ausgezeichneten französi-
schen Fachwerken in dieser Hinsicht würdig an die Seite setzt. Aber
wie übertrifft es vollends diese fremden Werke nach seinem Inhalte,
diese Schriften, welche mit wenigen Ausnahmen sich ja noch alle in
den ausgefahrenen Geleisen des Smithianismus bewegen! Als ein aus-
gezeichnetster Repräsentant der neueren deutschen wissenschaftlichen
Nationalökonomie überragt es diese fremde Fachlitteratur durch seine
Gedanken, seine Methoden, die Höhe seines Standpunkts, die Tiefe
der echt gesellschaftlichen Auffassung außerordentlich und zeigt so in
erfreulicher und Genugthuung bietender Weise den Fortschritt der deut-
schen Fachwissenschaft über unsere älteren französischen und briti-
schen Lehrmeister hinaus.
Gerade diese Beschaffenheit des Cohn’schen Werks wird vielleicht
da und dort Zweifel darüber erwecken, ob es in erster Linie für
Studierende besonders geeignet ist. Ich glaube allerdings auch,
wie gesagt, mehr für die Elite derselben, da es geistige Reife, ja
ich möchte meinen die größere Lebenserfahrung erst des reiferen
Alters voraussetzt. Deshalb und nach seinen formellen und materiellen
Vorzügen eignet es sich dafür in besonderem Grade für die Elite der
1) Cohn’s System $. 187 und Tüb. Ztschr. 1881, 8. 464 ff.: Gemeinbedürfnis und
Gemeinwirtschaft. S. auch unten unter V
2) Wenigstens ist er das nach meinem Urteil und Geschmack. Wenn er auch hie
und da ein wenig zu pointierend , nicht immer ganz ungekünstelt und natürlich ist und
mitunter einmal etwas an Manier streift, darf er doch wohl im Ganzen ‚glänzend‘ ge-
nannt werden. Indessen — de gustibus non est disputandum, heißt es am Ende auch
hier, wie mich selbst in Bezug auf Cohn’s Buch ein Gespräch mit einem nicht fach-
männischen Verehrer Cohn’s von unzweifelhafter Urteilsfähigkeit belehrte. Derselbe
meinte: Der ‚‚entsetzliche‘“ Stil mache das Buch unlesbar! Ein mir unbegreifliches
Urteil.
15 *
216 Adolph Wagner,
höher gebildeten Klassen. Staatsmännern, höheren Beamten, Parla-
mentariern und den doch gottlob noch nicht ausgestorbenen Gelehrten
und Ungelehrten, welche nach universeller Lebensbildung im Sinne
des Göthe’schen Ideals streben und aus besserer Quelle, als aus dem
seichten Wasser der Tagespresse trinken wollen, kann Cohn’s Buch
gar nicht genug empfohlen werden.
Ich begrüße es hier auch speziell als einen — politischen Bundes-
genossen, so sehr sich dagegen vielleicht Kollege Cohn selbst ver-
wahren wird. In dem Sinne, wie ich es meine, wird er und werden
mir auch viele Fachgenossen anderer politischer und selbst anderer
sozial- und wirtschaftspolitischer Richtung, als der meinigen, ich hofie
auch der verehrte Herausgeber dieser Zeitschrift, beistimmen. Es
scheint mir, nach mancher eigentümlichen persönlichen Erfahrung im
politischen Leben, die ich mehr wie viele Andere machen konnte,
auch an diesem Orte gerechtfertigt, da es sich um die wichtige Frage
der Einwirkung der Wissenschaft auf das Leben handelt, bei diesem
Punkte einen Augenblick zu verweilen.
Bei allen Differenzen in der Methode, in einzelnen Theorieen, in
praktischen Fragen besteht doch, mit immer weniger Ausnahmen,
unter den Vertretern der deutschen nationalökonomischen Wissenschaft
in der Negative und wenigstens in Hauptpunkten bezüglich des Neu-
baus der Theorie und der positiven Forderungen der Praxis bereits
ziemlich Einmütigkeit: die alte rein individualistische Nationalökonomie,
ihre philosophischen Grundlagen, ihre praktischen Folgerungen, sind
in der Wissenschaft ein „überwundener Standpunkt“, sie werden im
Wesentlichen wissenschaftlich negiert. Beim Neubau der Theorie gilt
es eine Umgestaltung der philosophischen Grundlagen, eine vertiefte
Begründung der Ausgangspunkte vorzunehmen und in der Praxis
„den freien Verkehr sich nicht einfach selbst zu überlassen“, sondern
durch Reformen der wirtschaftlichen Rechtsordnung (insbesondere auf
dem Gebiete des Verwaltungsrechts), durch Kontrole des Staats
regulierend in das „freie Getriebe der wirtschaftlichen Kräfte“ einzu-
greifen. Nicht über die Berechtigung dieses „Ob?“ im Allgemeinen
und prinzipiell, sodann nur im konkreten Einzelfalle, weiter hier nur
über das „Wie?*, „Wie weit?“ gehen die Ansichten unter den fach-
männischen Theoretikern der deutschen Wissenschaft noch auseinander.
Das Dogma von der „ökonomischen Interessenharmonie*“ im „sich
selbst überlassenen freien Verkehr“ findet hier keine Gläubigen mehr.
Höchstens daß sich ganz vereinzelt noch die alte individualistische
Ansicht in der immerhin doch bemerkenswerten Modifikation zeigt, an
Stelle der „segensreichen“ wirtschaftlichen Konkurrenzkämpfe der
Individuen solche der organisierten Vereine von Individuen (Gewerk-
vereine der Arbeiter, Arbeitgebervereine) treten zu lassen. Vereine,
von deren Funktion man dann, in der Wiederholung des alten Aber-
glaubens, das „wirtschaftliche Heil aller‘, — soweit es überhaupt er-
reichbar und wünschenswert — erwartet. „Spotten ihrer selbst und wis-
sen nicht wie“, könnten da die alten Individualisten den Gewerkvereins-
Theoretikern, von denen sie öfters angegriffen worden sind, erwidern.
Systematische Nationalökonomie. 217
Der große praktische Fortschritt der deutschen Sozial- und Wirt-
schaftspolitik der neuesten Zeit besteht nun m. E. darin, daß die
Staatsgewalt, ohne irgend welche direkte Beeinflussung durch
die Theorie oder durch einzelne Theoretiker, — wie das Charakter,
Anlage und Lebensgang unseres „leitenden Staatsmannes‘“ so wie so aus-
schließen —, rein durch eigene Forschungen und Beobachtungen bestimmt,
zu den Forderungen der individualistischen, gemeinhin, aber mit Unrecht,
sog. „liberalen“ Wirtschaftspolitik eine skeptische Stellung eingenommen
hat und — aus sozial-, wirtschafts-, auch aus rein politischen und finanz-
politischen Erwägungen — dem Staate und der Gesetzgebung die Aufgabe
eines wieder mehr regulierenden Eingreifens in das freie Wirtschaftsge-
triebe vindiziert. In der „Verstaatlichung“ der Eisenbahnen, den Mono-
polprojekten, den tastenden Reformversuchen im Gebiete der Agrar-,
Gewerbe-, Handelspolitik, in der Arbeiterversicherung u. s. w. ist dies
doch der rote Faden, welcher sich unverkennbar für jeden zur prinzi-
piellen Auffassung einzelner Gedanken und Maßregeln Fähigen durch
alle jene einzelnen Reformen hindurch zieht. Der „rote Faden“, der
leitende Gedanke in dem allen, wie ihn Rodbertus ausspricht: „Die
Volkswirtschaft soll mehr Staatswirtschaft werden“. Und dieses Po-
stulat ist doch das prinzipielle Ergebnis der Reaktion gegen die Theo-
rie und Politik des Smithianismus. Wiederum nur hinsichtlich des
Maßes seiner Durchführung gehen die Ansichten unter Verständi-
gen auseinander.
Bei sozialen und wirtschaftlichen legislativen und administrativen
Maßnahmen, wo so viele Interessen, Dogmen und Vorurteile Ein-
zelner berührt werden, kann eine Durchringung einer solchen neuen
Theorie und Politik nun immer nur durch scharfen Kampf erfolgen.
Das ist ein festes gesellschaftliches oder soziales „Gesetz“ nach aller
geschichtlichen Erfahrung. Die Stellung der Einzelnen zu einer sol-
chen Theorie und Politik im Ganzen wie zu den einzelnen Folgerungen
daraus wird, außer durch das leider immer so leicht, wenn auch oft
nur instinktiv mitspielende Privatinteresse, im praktisch-politischen
Leben durch die ganze Parteianschauung, diese wieder durch die
ganze Lebensführung bestimmt. Sie ist daher in letzterer Hin-
sicht so wesentlich vom individuellen Lebensalter und von den Ge-
samtanschauungen der „Generation“ abhängig, welcher der Einzelne
angehört. Was Wunder, daß somit z. B. die neuere „positive“ Sozial-
und Wirtschaftspolitik, nicht nur, wie selbstverständlich in vielen
Einzelheiten, sondern auch in ihren ganzen Ausgangs- und
Zielpunkten noch so weithin, gewiß auch unter zahlreichen Män-
nern von Einsicht und Patriotismus nach deren bester Überzeugung,
so viel Widerstand, ja viefach so wenig Verständnis
findet. Ganze Generationen aktiver Politiker, welche als Wähler,
Agitatoren, Parteiführer, Publizisten, Journalisten, Abgeordnete am
politischen Leben Teil nehmen, sind in völlig anderen Anschauungen
aufgewachsen. Die bei Weitem große Mehrzahl davon hat diese An-
schauungen nicht direkt durch Bücher, sondern aus der Öffentlichen
Presse und aus dem Niederschlag der wissenschaftlichen und praktischen
218 Adolph Wagner,
Ansichten über soziale und wirtschaftliche Dinge in dieser Presse und
großenteils daraus wieder in der „öffentlichen Meinung“ , wenigstens
der in weiten Volks- und Parteikreisen verbreiteten, gewonnen. Diese
Generationen von Leuten sind nicht durch die „Motive“ der Gesetz-
entwürfe, durch „Botschaften“, durch parlamentarische Debatten in
ihren eingelebten Ansichten zu erschüttern. Viele dazu Gehörige verste-
hen oft den prinzipiell verschiedenen Standpunkt eines sozial- und
wirtschaftspolitischen Gegners nicht einmal, selbst die Terminologie
ist ihnen fremd, in der ein Problem erörtert wird !). Wer sich, be-
sonders in den letzten Jahren erregter sozialer Parteikämpfe, intensiver
am öffentlichen Leben als Publizist, öffentlicher Redner, Parlamentarier
beteiligt hat, wird mir wohl darin zustimmen, daß hier eher noch
gegen die Bosheit, als gegen den völligen Unverstand politischer
Gegner in der Presse und sonst aufzukommen ist.
Hier ist, wie so oft, nur von Einem Anderung zu erwarten, von
der Zeit. Die öffentliche Presse, die „Zeitungen“, die ja, nach Las-
salle’s klassischem, nur zu wahrem Worte heutzutage „das Denken
selbst“ für die Masse des Publikums „fabrizieren“, vertreten regel-
mäßig in ihren verbreitetsten, gelesensten, tonangebenden Blättern
politische, soziale und wirtschaftliche Anschauungen, welche der Nie-
derschlag — auch aus der Wissenschaft dieser Gebiete — einer zu-
rückliegenden, einer bereits mehr oder weniger über-
wundenen Bildungsperiode sind. In Inhalt und Form den Auffas-
sungen des großen „gebildeten“ Publikums entsprechend, sind diese
Zeitungen eben auch die verbreitetsten — und daher wieder die ein-
flußreichsten, — die „sechste Großmacht“. Die große Masse ihrer
Journalisten, nicht nur die „entsetzlichen Geisteskrüppel“, deren auch
heute noch in zahlreichen Exemplaren zu findende Typen Lassalle in
unübertroffener Meisterschaft schildert, sondern auch die vielen tüch-
tigen, ehrlichen, anständigen, gewissenhaften Männer dieses Berufs,
1) Ein Beispiel aus meiner eigenen parlamentarischen Erfahrung. Ich hatte im
preuß. Abgeordnetenhause einmal gelegentlich den Ausdruck: ‚Verteilung des Volks-
einkommens‘‘ gebraucht, bezw. eine ähnliche Wendung. Dies veranlaßte einen mir
persönlich bekannten hervorragenden und an großen Blättern Berlins thätigen Journa-
listen (anderer politischer Parteirichtung) mich brieflich darauf aufmerksam zu machen,
daß solche und ähnliche Redewendungen und Ausdrücke zum Teil an der besonders
scharfen Opposition und Polemik schuld seien, die meine Ansichten im Landtag und in
der Presse fäinden Er, der Briefschreiber, habe früher einmal bei mir Kolleg gehört
und sei auch da anfangs über solche Ausdrücke stutzig geworden, bis er allmälig erst
sich an den Sinn, in dem sie gebraucht, und an meinen ganzen Gedankengang gewöhnt
und beide verstanden habe. Die große Menge, nicht nur des lieben Publikums, sondern
der Parlamentarier und Politiker verständen einen Ausdruck wie: „Verteilung des Natio-
naleinkommens‘ sicher stets nur in dem extrem sozialistischen rein mechanischen Sinne
einer „Verteilung der Güter an die Einzelnen von Staatswegen‘“. — Kaum glaub-
lich, aber völlig wahr! Ich könnte manche andere Belege beibringen. Wenn das bei
solchen Grundbegriffen der Nationalökonomie — der orthodoxesten klassischen brittischen
wie jeder anderen („distribution !) — vorkommt, am grünen Holze der parlamentari-
schen politischen Weisheit, wie kann man sich über ähnliche Mißverständnisse und —
Urteilslosigkeiten der öffentlichen Presse und des großen Publikums wundern?!
Systematische Nationalökonomie. 2 19
zehren regelmäßig vornehmlich von dem einer früheren Periode
angehörigen Bildungskapital und sind ebendeshalb „konservativ“ ab-
lehnend im Extrem gegen neue, ihnen fremdartige Ideen und Maß-
nahmen, auch wenn sie nominell politisch auf dem gerade entgegen-
gesetzten Standpunkt zu stehen wähnen. Auch darüber ist niemals
Besseres, Richtigeres, Schärferes, Glänzenderes als von Lassalle gesagt
worden. Das große Publikum und dasjenige der Politiker gewöhn-
lichen Schlages hat nun aber fast „jedes andere Denken und Lernen
als aus den Zeitungen verlernt“. Wie kann es in der Schule sol-
cher Lehrmeister, ich will gar nicht sagen eine sympathische, aber
doch eine verständnisvolle, und wenn auch eine kritische, we-
nigstens eine verständig-kritische Stellung zu den großen Re-
a agen der Sozial-, Wirtschafts-- und Finanzpolitik gewinnen
ernen ?
Hier nun liest m. E. der außerordentliche praktische und
politische Wert eines vom Charakter einer politischen Tendenz-
schrift so weit entfernten Werkes wie das von Cohn, gerade auch,
weil ein hoch bedeutender Inhalt in prächtiger Form, „goldene Früchte
in silberner Schale“, geboten werden. Nur ein solches Werk, „popu-
lär“ im höchsten, vornehmsten Sinne des Worts, nicht ein Werk in
der trockenen und unvollkommenen Form unserer üblichen deutschen
fachwissenschaftlichen Bücher, kann überhaupt leichter und rascher
in den Kreisen der Zeitungs-Publizisten wie der Beamten und Parla-
mentarier Propaganda für die theoretische und praktische Reform-
richtung der neueren Nationalökonomie machen. Natürlich nicht in
dem Sinne, daß einzelne Maßnahmen durch ein solches Werk unter-
stützt werden, wohl aber in dem Sinne, daß der Geist einer solchen
neuen Richtung, die tiefere allgemeine Begründung derselben nur von
einem derartigen Buche zum Verständnis gebracht werden kann, und
zwar auch außerhalb der wissenschaftlichen Fachkreise, bei Män-
nern, deren Einfluß in der Presse, in den Regierungsbureaux, in den
Parlamenten notwendig der entscheidende ist. In der fachwissen-
schaftlichen Welt, auch bei denen, in denen Cohn mehr ablehnende
(und in beliebter deutscher Weise etwa mikrologisch nörgelnde) Kri-
tiker, als Beistimmer finden wird, ist mir ein großer verdienter Erfolg
des Cohn’schen Buches außer Zweifel. In jenen anderen Kreisen
aber wünsche ich auch als Politiker und Vertreter positiver Sozial-
und Wirtschaftspolitik Cohn noch mehr eifrige Leser, und bin über-
zeugt, er wird sie finden! An solchen Quellen getränkt wird dann
aber auch die öffentliche Presse mit der Zeit beeinflußt werden
und die „öffentliche Meinung“ mehr Verständnis, auch — mehr Billig-
keit gegen diejenigen gewinnen, welche eben gewagt haben, etwas
früher als andere, auch als die „Staatsmänner“, die Konsequenzen für
die Gesetzgebung und Verwaltung aus dem „Umschwung der Wissen-
schaft‘ zu ziehen. Auch nur ein systematisches und Prinzi-
pien erörterndes Buch wird, nebenbei bemerkt, eine solche Wirkung
erzielen können. — —
Worin besteht aber denn nun gerade der spezifisch sach-
220 Adolph Wagner,
liche Wert, die eigentlich wissenschaftliche Bedeutung des
Cohn’schen Werks, von allem Formellen abgesehen ?
So manches Einzelne neu, mindestens in Auffassung, Begründung,
Verbindung mit anderem Nicht-Okonomischem eigentümlich ist, so liegt
m. E. die hohe Bedeutung des Buchs doch nicht in erster Linie in
der Originalität der Gedanken und deren Ausführungen. Die vor-
trefflichen methodologischen Erörterungen, die tiefere und allseitige
psychologische Analyse des menschlichen Dichtens und Trachtens,
Thuns und Unterlassens auf wirtschaftlichem Gebiete, die Ausführun-
gen des vielleicht im Ganzen bedeutendsten und gelungensten zweiten
Hauptabschnitts des Werks über die „Gestaltung des Wirtschaftslebens“
— ein übrigens kaum zweckmäßiger und zu undeutlicher Ausdruck
für den überaus reichen Inhalt dieses Abschnitts — lehnen sich viel-
fach an die besten neueren Bahn brechenden Arbeiten des Fachs und
der Hilfswissenschaften, der Logik und Erkenntnistheorle, der Psycho-
logie, der Ethik, Rechts- und Staatslehre, der Kultur- und Wirtschafts-
geschichte, der Statistik u. s. w. an. Überall freilich in völliger
kritischer Selbständigkeit des Verfassers, in welcher er sich teils zu-
stimmend, teils ablehnend, teils modifizierend diese neueren wissen-
schaftlichen Bestrebungen und Ergebnisse zu eigen macht. Der dritte
Abschnitt von den „Vorgängen des Wirtschaftslebens“ enthält das,
was die ältere Wissenschaft, im Ausland überwiegend noch heute, in
Deutschland wenigstens in ihren rückständigen Vertretern, kurzweg
die „allgemeine“ oder die „theoretische Nationalökonomie“ nennt, die
Lehren von Produktion, Umlauf und Verkehr, Verteilung der Güter.
Hier ist im Einzelnen wieder viel Selbständiges, Eigentümliches,
Durchdachtes, aber im Großen und Ganzen schließt Cohn sich doch
an die bisherige Doktrin, die „abstrakte Dogmatik“, wohl mit Recht
an. Der Verfasser erkennt das, was er Andern verdankt, auch selbst
gern an. „Das Buch soll, nach dem Vorwort, ein Entwurf des Lehr-
gebäudes der Wissenschaft sein, wie es sich mir im Laufe der Jahre,
bei Forschung und Lehrberuf, im Nehmen und Geben mit dem Zeit-
alter, in mannigfachem Abbruch und Neubau entwickelt hat. Wie
sehr ich dafür besseren Männern verpflichtet bin, kann Ich im Ein-
zelnen nicht sagen, nur im Ganzen kann ich es empfinden.“
So gelungen dieser „Entwurf des Lehrgebäudes“ ist, so liegt
gleichwohl die selbständige und eigentümliche Bedeutung des Buchs
in etwas Anderem, dessen Erreichung Cohn im Vorwort ausdrücklich
als sein Ziel bezeichnet: „in systematischer Einheit dasjenige
darzulegen, was man sich heute unter Nationalökonomie als ethischer
Wissenschaft zu denken hat.“ Und wie man auch über Einzelnes
urteile, ob man auch da und dort, selbst auf dem gleichen oder einem
nahe verwandten Standpunkte, etwas abweiche: im Ganzen hat Cohn
dieses Ziel in seinem neuen Buche erreicht, ja die Aufgabe glänzend
gelöst. Diese fundamentale Aufgabe hat aber nicht nur der Verfasser
sich selbst, sondern hat die notwendige Entwickelung der Wissenschaft
dieser und ihren berufensten Vertretern gestellt. Jedoch kein natio-
nalökonomisches Werk, Monographie und Aufsätze oder System und
Systematische Nationalökonomie. 22 1
Lehrbücher haben die Aufgabe in so umfassendem Sinne erfaßt und
so erfolgreich gelöst, als Cohn. In Schmollers „Grundfragen des
Rechts und der Volkswirtschaft“ wird von einem dem Cohn’schen
fast gleichen ethischen Standpunkte an diese Probleme herangegangen
und deren Lösung angebahnt und zum Teil in ausgezeichneter Weise
erledigt, aber die Erörterung erfolgt doch nicht so allseitig, auch m.
E. nicht immer so scharf in den Gedanken, noch so klar in der Form
als bei Cohn, vor allem aber ist sie keine systematisch vollständige,
wie sie vollends für solchen Zweck wohl unbedingt geboten ist.
Schäffle’s „gesellschaftliches System“, die einschlagenden Abschnitte
in „Bau und Leben des sozialen Körpers“ und so manche z. T.
schon ältere Aufsätze!) dieses tiefgründigen und vielseitigen speku-
lativen Denkers sind bahnbrechend gerade auch für die gesell-
schaftliche Auffassung des Wirtschaftslebens und für alle Orga-
nisationsfragen der Volkswirtschaft. Auch der Zusammenhang
zwischen Okonomik und Ethik wird von Schäffle niemals vergessen,
überall ins gebührende Licht gestellt. Gleichwohl haben auch Schäff-
le’s anregende und vielseitige Arbeiten eine Leistung wie die Cohn’
sche „Grundlegung“ wohl mit vorbereitet, aber nicht unnötig gemacht.
Ahnliches gilt von Knies tiefgrabenden, gedankenreichen und gedan-
kenschweren, aber auch formschweren Arbeiten, auf welche Cohn,
besonders auf Knies’ theoretisch-nationalökonomisches Hauptwerk, mehr
als auf irgend welche andre ausdrücklich Bezug nimmt und mit deren
Ergebnissen er auch mchr als mit denen der Bücher andrer, seinem
Standpunkt verwandter Autoren übereinstimmt. Und wenn ich als
einen neueren umfassenderen Versuch grundlegender Erörterung für
einen Neubau der nationalökonomischen Theorie meine eigenen bezüg-
lichen Schriften, besonders meine „Grundlegung“ und einige Abschnitte
meiner Finanzwissenschaft (namentlich Teile der „allgemeinen Steuer-
lehre‘“‘ im 2. Bande) hier noch mit erwähnen darf, so bin ich mir
einerseits der sachlichen und formellen Mängel dieser Arbeiten gegen-
über dem geschlossenen Werke Cohn’s genügend bewußt; sodann aber
habe ich mir das Ziel, welches Cohn vorschwebt, in dieser Weise gar
nicht gestellt, sondern allein die Organisations- und Rechtsfragen
besonders hinsichtlich des Privateigentumsprinzips eingehender und
vor den rein ethischen Fragen erörtern wollen. Mein Ziel war, wie
es Cohn richtig auffaßt, „die Frage der Rechtsordnung eingehend zu
behandeln, um an die Stelle des individualistischen Naturrechts eine
positive Erledigung der sozialistischen Kritik zu setzen“, oder, wie
ich es selbst mir und meinen Lesern bezeichnet habe, die ‚„individual-
rechtliche“ durch die „sozialrechtliche“ Auffassung zu ersetzen. Ob
auch zu diesem Zwecke cin noch weiteres Zurückgehen auf oberste
Prinzipienfragen von Sitte, Sittlichkeit, Recht notwendig ist, will ich
1) Es erscheint gegenwärtig eine Sammlung der wichtigsten davon, von der Bd. I
1885 in Tübingen erschienen ist. Darin u. a. die wichtigen Abhandlungen über „Mensch
und Gut in der Volkswirtschaft'‘ und die ‚ethische Seite der nationalökonomischen Lehre
vom Wert,“
299 Adolph Wagner,
hier jetzt nicht erörtern. Ich gestehe aber gern, daß ich Cohn’s Werk
hier manche neue Anregung verdanke, die ich über kurz oder lang
berücksichtigen zu können hoffe. Jedenfalls, so scheint mir sonach,
hat Cohn mehr als irgend ein anderer neuerer Fachmann die Re-
vindikation der Ethik für die Ökonomik mit vollem und
klarem Bewußtsein erstrebt und sein Streben ist von Erfolg gekrönt
gewesen.
Damit stellt sich Cohn’s „Grundlegung des Systems der National-
ökonomie“ aber als eine wissenschaftliche Leistung ersten Ranges
dar. Als solche ist sie zugleich, wie jede hervorragende derartige
Leistung in diesem dem Leben so nahe stehenden Fach, auch für die
Praxis, für das Leben selbst, für die wirtschaftliche
Politik, zunächst, wie schon oben ausgeführt, für das richtige
Verständnis der Aufgaben dieser Politik nicht minder bedeutsam.
Es sei nur an Eines erinnert. Welcher Hohn und Spott erhob sich,
aber auch welche Unwissenheit, welche Unfähigkeit des Verständnisses
und — welche Überhebung der Gegner zeigte sich, als vor 12—15
Jahren der „Kathedersozialismus“ zuerst auftrat, über die Forderung
einer „ethischen“ Nationalökonomie! Jetzt sind diese hochmütigen
Dpötter, wie ich ihnen seiner Zeit (1872) in meinem „Brief an Oppen-
heim“ einmal zu prophezeien mir erlaubte, — nach 10 Jahren, sagte
ich damals, wird es sich zeigen — in der Wissenschaft wenigstens zu
einer kleinen Sekte zusammengeschmolzen. Aber ausgestorben
und verschwunden sind sie doch immer noch nicht ganz, wie noch
jüngst der volkswirtschaftliche Kongreß wieder bezeugte (Nürnberg
1885), jene „ökonomischen Individualisten“ aus der Schule der Prince-
Smith und Faucher, jene Parlamentarier vom Schlage Bamber-
ger’s und K. Braun’s, und vereinzelt treibt der alte Stamm auch
noch einmal junge grüne Sprößlinge, die mit epigonenhafter Über-
treibung dem alten Bastiat’schen Interessen-Harmonismus huldigen,
wie jetzt in der Zeitschrift „die Nation“!). Auch aus diesem Kreise
und dem der verwandten Journalistik wünsche ich dem Cohn’schen
Buche Leser, welche wirklich einmal mit Ernst und Unbefangen-
heit die hier von einem dem ihren allerdings gegnerischen, aber doch
durchaus wissenschaftlich objektiven Gesichtspunkte aus erörterten strei-
tigen Grundfragen verfolgen möchten. Mindestens werden sie dann in
Ihrer Polemik gegen „ethische“ Nationalökonomie, „Kathedersozialismus“,
„Staatssozialismus“, „Sozialismus“ überhaupt sich doch etwas weniger
stumpfer Waffen bedienen müssen, als einiger mehr oder weniger
guter und amüsanter Anekdoten „unseres Braun“ und einiger mehr
oder weniger „neuer“ und „geistvoller“ Witze des Herrn Alexander
Meyer. —
"Wer praktische soziale und wirtschaftspolitische Fragen versteht,
der weiß, daß sich in letzter Linie hier doch alle Gegensätze auf die
großen leitenden Prinzipien im gesellschaftlichen und wirtschaftlichen
1) S. darüber das Urteil Schmollers in seiner Ztschr. 1885, Heft 4 S. 292, dem
ich vollkommen beistimme.
Systematische Nationalökonomie. 223
Leben der Menschen zurückführen lassen. ‚Individualismus und So-
zialismus“, „naturgesetzliches“ Wirken des Eigennutzes und sittliches
Gebundensein alles menschlichen Trieblebens, des Physiokraten de
Gournay Parole des Laissez faire et passer für die Wirtschaftspolitik
und des Staatssozialisten Rodbertus schon erwähntes Postulat, „die
Volkswirtschaft muß mehr Staatswirtschaft werden“, — das sind
einige dieser letzten und höchsten Gegensätze, welche bei allen wirt-
schaftlichen und sozialen Fragen durchklingen. Bei Freihandel und
Schutzzoll, bei Gewerbefreiheit und Innungswesen, bei Arbeiter-Schutz-
gesetzgebung und Arbeiter-Versicherung, bei Eisenbahn-Verstaatlichung
und in hundert andren Fällen führt jede tiefere Diskussion notwendig
immer wieder auf jene wahren „Grundfragen“, wie sie bisher gerade
nur die neuere deutsche Nationalökonomie in ihren „grundlegenden“
Erörterungen wissenschaftlich zu behandeln begonnen hat. Ist die
Revindikation der Okonomik für die Ethik gewonnen und werden
hieraus die notwendigen Folgerungen gezogen, so sind diese „Grund-
fragen“ erfolgreicher und beweiskräftiger als auf irgend eine andere
Weise zu erledigen. Kein Urteilsfähiger kann auf die Dauer ver-
kennen, was das auch für die praktische Sozial- und Wirtschaftspolitik
für ein „Gewinn“ ist. Eine wissenschaftliche Arbeit, wie die scheinbar
allen Tagesfragen so ferne Cohn’sche, zeigt sich insofern auch von
größerer praktischer Bedeutung, als manche Spezialschrift über ein
einzelnes legislatives Problem. Und so weit im „Realismus“ vorgerückt
und — geistig zurückgekommen ist doch wohl das „Volk der Denker“
auch in unserer realistischen Geschichtsperiode noch nicht, zu solch’
banausischer Auffassung sind unsere Politiker im Zeitalter des Par-
lamentarismus doch wenigstens nicht allgemein herabgesunken, daß
die Tragweite einer derartigen wissenschaftlichen Leistung gerade für
die großen schwebenden Tagesfragen der Sozialpolitik und für deren
Lösung „im ethischen Sinne“ verkannt werden könnte. —
IH.
Cohnt nennt den ersten Band seines „Systems der Nationalöko-
nomie“ kurzweg „Grundlegung“, in einem etwas anderen Sinne, als
dieser Ausdruck neuerdings als technischer gebraucht worden ist.
Hermann nennt in seinen „staatswirtschaftlichen Untersuchungen“
so die kurze Einleitung über Grundbegriffe, leitende Wirtschaftsprin-
zipien u. dgl. m. Roscher braucht das Wort nicht. Ich habe in
meinem System geglaubt, mit „Grundlegung‘“ passend den ersten
Hauptteil der sogen. allgemeinen oder theoretischen Volkswirt-
schaftslehre bezeichnen zu können, d. h. die Darstellung der von mir
im engern Sinne sogen. „Grundlagen der Volkswirtschaft“ (elementare
Grundbegriffe, Wirtschaft und Volkswirtschaft, Organisation der Volks-
wirtschaft, Staat im Verhältnis zu letzterer), sodann die Erörterung
der hauptsächlichen Rechtsfragen, besonders Freiheit, Unfreiheit,
Eigentum, endlich die Übersicht der Systematik, Methodik, Litteratur-
geschichte. Cohn nimmt den Ausdruck in weiterem Sinne, indem er
224 Adolph Wagner,
eigentlich die ganze sogen. allgemeine oder theoretische National-
ökonomie darunter versteht. Dabei entfällt auf diejenigen Abschnitte,
welche üblicher Weise als „Lehre von Produktion, Umlauf, Verkehr
und Verteilung“ zusammengefaßt werden, nur der verhältnismäßig
kurze und etwas dürftige dritte Hauptabschnitt (S. 453—649). Es bleibt
daher von dieser Lehre mehr als gewöhnlich und als auch wohl syste-
matisch richtig ist dem zweiten ausführenden Teile, welcher die ein-
zelnen Hauptzweige der Produktion behandeln wird oder der sogen.
„praktischen Nationalökonomie“ vorbehalten. Ein dritter Teil wird
dann mit der Finanzwissenschaft das Werk abschließen.
Hiernach entspricht das ganze äußere System Cohn’s mit dieser
Verteilung des Stoffs doch trotz der sonstigen großen Verschieden-
heiten dem seit Rau und Roscher üblichen, auch von mir im We-
sentlichen inne gehaltenen Verfahren, das damit auch durch CGohn’s
Werk gegen Schmollers Ansicht und gegen Schönbergs Vorgehen von
Neuem als zweckmäßig und richtig bestätigt wird. In dem großen
Schönberg’schen Handbuch ist zwar die Finanzwissenschaft abgesondert,
die sogen. theoretische und praktische Nationalökonomie in der ihr
gewidmeten Reihe von Monographieen aber nicht durchgängig geschie-
den. Cohn orientiert seine Leser in einem kurzen Überblick an der
Spitze seines Buchs über Zweck, Berechtigung, Plan seines Werks.
Die weitere Einteilung des Stoffs im ersten Bande weicht eben-
falls im Ganzen doch nur wenig von der üblichen ab: abermals wohl
ein Beweis, daß die bisherige Systematisierung nicht so mangelhaft
und verfehlt ist, wie Schmoller meint, und daß nicht sowohl eine
ganz neue Systematisierung als die Veränderung des Inhalts der
Teile des Systems not thut. Von Einzelheiten abgesehen , besonders
etwa im dritten Hauptabschnitt, darf Cohn wohl auf Beistimmung
rechnen. Der erste Band, die „Grundlegung“, zerfällt in zwei Ab-
teilungen, in eine „Einleitung“ im Umfang von nahezu einem Drittteil
des Bandes (S. 23—212) und in das „System der Wirtschaft“, der
Rest (S. 213—649). In der „Einleitung“ werden in vier Kapiteln be-
handelt: die Methodologie der Staatswissenschaften und der National-
ökonomie insbesondere (S. 23—78), die Nationalökonomie im Kreise
der Wissenschaften, die Geschichte der Nationalökonomie (8. 91—180),
die Grundbegriffe (sehr kurz, — weil eben auf Kontroversen wenig
eingegangen wird). Das eigentliche „System“ gliedert sich in drei
Hauptabschnitte. Diese führen überschriftliche zusammenfassende
Benennungen, welche mir dem Inhalt nicht recht zu entsprechen
scheinen und mir nicht recht gefallen. Doch gestehe ich gern zu, daß
ein solcher Tadel leichter ist, als geeignetere Titel vorzuschlagen.
Der erste Abschnitt handelt von den „Elementen des Wirtschaftslebens‘“
in fünf Kapiteln (Natur, Bevölkerung, Bedarf der letzteren, Arbeit,
Kapital); der zweite von der „Gestaltung des Wirtschaftslebens“ in
vier Kapiteln (Ordnung des Zusammenlebens, Gliederung desselben,
Differenzierung der Gesellschaft, Gruppierung derselben); der dritte
von den „Vorgängen der Wirtschaft“ ın drei Kapiteln (Produktion,
Verkehr, Einkommenverteilung). Ein kurzes Schlußwort beendet den
Systematische Nationalökonomie. 225
Band. In dem von mir gebrauchten Sinne würde sich der Name
„Grundlegung“ auf Cohn’s Einleitung und die ersten zwei Hauptab-
schnitte beschränken.
Aus dem reichen Inhalt des Buchs hebe ich nur Einiges von
demjenigen hervor, worin sich der im vorigen Abschnitt charakteri-
sierte Grundzug der Schrift kundgibt, sowie einige der Punkte, welche
für das System als solches bezeichnend sind. Ich stimme dem Ver-
fasser großenteils bei, so daß ich mehr bloß über sein Buch referiere,
als dasselbe kritisiere und mich im übrigen seiner nach anderen
Seiten gerichteten Kritik in methodologischen und systematologischen
Punkten, hie und da berichtigend und ergänzend, nur anschließe.
Meine eigene Auffassung über einige dieser Punkte stelle ich im
nächstfolgenden Abschnitt (IV) dieses Aufsatzes dar, ohne dabei auf die
Abweichungen von Cohn und anderen Autoren näher einzugehen.
Von entscheidender Bedeutung für die Beurteilung der Cohn’schen
„Grundlegung“ und seines ganzen „Systems“ ist natürlich gleich das
erste methodologische Kapitel. Nur Logik und Mathematik werden
als eigentlich „exakte“ Wissenschaften, mit „exakter“ Methode, der-
jenigen der strengen Deduktion, anerkannt. Da die psychischen Thä-
tigkeiten eine Welt für sich bilden, verlangen die Geisteswissenschaften
auch ihre eigenen Methoden. Die rein materialistische Geschichts-
auffassung von der Mechanik des historischen Lebens wird abgewiesen:
„no lange die Mechanik vor der Thatsache des bewußten Lebens und
der Geschichte als seines Produkts ohne brauchbare Antwort stehen
bleibt, ist jene Deduktion aus dem Postulat einheitlicher Kausalität
ein Sprung ins Dunkle, und das besonnene Denken hat vor den
Thatsachen der geistigen Welt stehen zu bleiben, um sie für sich,
in ihrer Eigenart zu erkennen.“ Für die Geisteswissenschaften bedarf
es nach der Natur ihres Stoffs eines „speziellen Verfahrens der De-
obachtung“ , teils für die Vergangenheit der Arbeit der Geschichts-
forschung, teils einer Methode, durch welche die gegenwärtigen Er-
scheinungen erfaßt werden, hierzu daher, zwar nicht bloß, aber in
besonderem Grade des statistischen Verfahrens. Allein mit diesen
Methoden der Beobachtung, wie mit aller Induktion, hat sich die
Deduktion zu verbinden. Die zu deren Anwendung aufgestellten,
methodologisch unentbehrlichen Hypothesen sind dann an dem ge-
sammelten Material zu prüfen. Hier wird nun auch von Cohn das
deduktive Verfahren gerade für die Nationalökonomie in seiner wohl-
begründeten historischen Stellung festgehalten. Es vollzieht sich auf
der „durch alte und stets erneute Beobachtung gefestigten Hypothese
von der die menschlichen Handlungen bestimmenden Kraft der Selbst-
erhaltung“. „Der Wahn, durch bloße Sammlung von historischem oder
statistischem Material irgend eine Erscheinung der Vergangenheit oder
Gegenwart für die Wissenschaft flüssig zu machen, ohne die Rea-
gentien der möglichen Erklärungsgründe, welche die bisherige Wissen-
schaft an die Hand gibt, ist ebenso sehr eine Extravaganz wie der
entgegengesetzte Wahn, daß man mit den Deduktionen aus dieser
296 Adolph Wagner,
ee das Ganze und das einzig Mögliche der Wissenschaft
esitze.“
Hiermit werden gleichmäßig gewisse unklare Forderungen des
extremen „Historismus“ in der Nationalökonomie, wie gewisse Schul-
meinungen des abstrakten Dogmatismus der epigonischen britischen
und kontinentalen individualistischen Okonomik bündig abgewiesen.
Ich würde den Wert der Deduktion als eines probaten methodischen
Hilfsmittels zur Isolieruug der hypothetischen kausalen und conditio-
nellen Momente, unter denen eine wirtschaftliche Erscheinung zu
Stande kommt, noch etwas schärfer hervorheben, als Cohn es thut.
Doch ist sicher auch hier wieder die subjektive Auffassung des Ein-
zelnen von der „ursprünglichen geistigen Konstitution“, um mit Laas
zu reden, mit abhängig.
Die Hauptsache bleibt, niemals des zunächst nur hypotheti-
schen Charakters der Ergebnisse jeder solcher Deduktion zu ver-
gessen. Dieses großen methodischen logischen und verhängnisvollen
praktischen Fehlers hat sich die individualistische neuere National-
ökonomie mitunter schuldig gemacht. Man deduziert unter vier hypo-
thetischen Voraussetzungen bezüglich der ursächlichen und der be-
dingenden Faktoren, dab das Selbstinteresse (der „Eigennutz“) allein
das Thun und Unterlassen der Menschen im wirtschaftlichen Leben
bestimmt; daß dies Selbstinteresse im Wesentlichen ein in allen
Einzelnen gleich bleibender und gleich stark wirkender Faktor ist;
daß ein Jeder seinen wirtschaftlichen Vorteil richtig kennt und daß
er nach Sitte, Moral und Rechtsordnung seinem Selbstinteresse folgen
kann und darf. Da diese Voraussetzungen ganz genau niemals, sondern
immer nur mehr oder weniger annähernd in der Wirklichkeit zutreffen, so
können die Ergebnisse der Deduktion auch besten Falles stets nur
teilweise mit der Wirklichkeit übereinstimmen, nur „Annäherungs-
Werte“ darstellen. Man vermag auf diese Weise nichts Anderes als
eine bestimmte Gestaltungs-Tendenz ökonomischer Erscheinungen
abzuleiten. Ob und wie weit diese Tendenz sich thatsächlich ver-
wirklicht, das ist immer erst durch eine Prüfung mittelst der Beob-
achtung der Erscheinungen selbst, daher durch das historisch-statistische
und überhaupt das induktive Verfahren festzustellen. Ein außeror-
dentlicher logischer Fehler war es daher vollends, jene hypothetisch
deduzierte Gestaltungstendenz mit einem streng naturgesetzlich not-
wendigen Sein-Müssen und gar, mit manchem Manchestermann, mit
einem Sein-Sollen zu identifizieren, eine Begriffsverwirrung, gegen welche
die „historische“ und die „ethische“ Nationalökonomie mit Fug und
Recht sich streng verwahrt haben.
Vortrefflich sind Cohn’s Ausführungen über „Hypothese und Er-
fahrung in den Staatswissenschaften“ und über die „Schwierigkeiten
der Erfahrung“ auf dem nationalökonomischen Gebiete. Unter Anderm
werden hier die Gegensätze von „Theorie und Praxis“, auch was die
Fällung von Urteilen über die behaupteten notwendigen Wirkungen wirt-
schaftlicher Maßregeln und Gesetze anlangt, mit mancher feinen
ironischen Bemerkung nach Rechts und Links zugleich, gestreift,
Systematische Nationalökonomie. 997
Unsere Praktiker und Politiker verschiedenster Parteilager und ihre
Ton angebende Presse, die sich so gerne „auf die Erfahrung“ berufen,
z. B. in Bezug auf die Wirkungen von Schutzzoll, Freihandel, indi-
rekten Steuern könnten sich hier Manches hinter die Ohren schreiben.
Cohn’s Erörterungen über Geschichte laufen mit Recht darauf
hinaus, in letzterer eine „Methode zum Zweck vertiefter Erkenntnis“
anzuerkennen. Eine Auffassung, welche bei den zur geschichtlichen
Forschung und zur Handhabung der geschichtlichen Methode beson-
ders beanlagten und geneigten Gelehrten subjektiv begreiflich ist,
wird demgemäß vollkommen richtig abgewiesen und als „objektiv
unklar gedacht‘ bezeichnet: nämlich die ganze wissenschaftliche Auf-
gabe in unserer Disziplin in der historischen Richtung, „ja in der
geschichtlichen Methode des Fachs gar das ganze Fach selber auf-
gehen zu lassen.“ Es sei eine Verrückung der logischen Schranken,
wenn die Arbeit der Wirtschafts-, Verfassungs-, Rechtsgeschichte den
ganzen Platz der Wissenschaften von Wirtschaft, Verfassung und
Recht für sich in Anspruch nehme. Cohn teilt hier wie sonst durch-
aus nicht ohne Weiteres die Auffassung Menger’s, aber in der Zurück-
weisung dieser unlogischen und übertriebenen Ansprüche des national-
ökonomischen „Historismus“ stimmen beide doch augenscheinlich überein.
Wie in der Geschichte erkennt Cohn auch in der Statistik,
in Übereinstimmung mit den bezüglichen Erörterungen von Knies,
Rümelin, miru.a.m. nur eine Methode für die Nationalökonomie,
nicht eine eigentliche selbständige Wissenschaft. An einigen seiner
Ausführungen, wie auch an den gelegentlichen Beweisführungen nit
on Daten hätte ich Einiges auszusetzen, sche aber hier da-
von ab.
Im letzten Abschnitt des methodologischen Kapitels werden dann
Schlüsse in Bezug auf das Wesen sogen. „Gesetze“ der National-
ökonomie gezogen. Der Mißbrauch, zu welchem schon in logischer
Hinsicht die sog. „volkswirtschaftlichen Naturgesetze‘“ — d. h. eben jene
Gestaltungstendenzen der Erscheinungen, welche man lediglich aus dem
hypothetisch „alleinigen“ Wirken des Selbstinteresses bei freier Konkur-
renz hatte abgeleitet — den britischen ökonomischen Individualisten
Anlaß gegeben, ist bekannt; nicht minder die luftige Beweisführung
mit diesen „Gesetzen“ gegen ein richtiges Eingreifen von Staat und
Gesetzgebung ins Wirtschaftsleben. Cohn weist diese Naturge-
setze selbstverständlich ab und betrachtet das, was man so nennt,
nur als gewisse annähernde Wahrheiten, nur für Zeiten wie diejenigen
der modernen Gesellschaft, etwas genauer zutreffend (wie ähnlich
schon einmal H. Dietzel bemerkt hat), Wahrheiten, welche aber vom
Reichtum des wirklichen Lebens nur erst wenig geben.
Nur Eine polemische Wendung Cohn’s scheint mir das Ziel hier
zu überschießen, diejenige gegen das „Prinzip der Wirtschaftlichkeit“,
wie es Schäffle, ich und a. m. verwertet haben. Auch H. Dietzel
hat dagegen polemisiert, indem er meint, was man so nenne, sei
doch ein allgemeines Prinzip zweckmäßigen menschlichen Han-
delns. Man mag das zugeben, ohne daß deshalb die spezielle Bedeu-
398 Adolph Wagner,
tung dieses Prinzips für die Erklärungen innerhalb des Gebiets der
Okonomie entfällt. Es ist nun nicht richtig, wenn Cohn uns vor-
wirft, man sehe dies Prinzip „als über den Wechsel der historisch-
ethischen Mannigfaltigkeit“ erhaben an. Gewiß wäre eine solche
Auffassung ebenso wie beim Eigennutz falsch, ein „Ergebnis sehr
unvollständiger Beobachtung der menschlichen Triebe“. Aber als
methodisches Hilfsmittel der Deduktion bleibt dies Prinzip gleichwohl
anwendbar, wenn man das darunter versteht, was ich dabei meine,
einmal, daß freiwillig keine wirtschaftliche d. h. bloß auf Güterbeschaf-
fung für die Bedürfnis-Befriedigung gerichtete Arbeit übernommen wird,
deren in Aussicht stehende ökonomische Wirkung bezüglich der Güter-
beschaffung dem Schätzenden in seiner Seele nicht das Moment der
„Last“ der Arbeit aufzuwägen scheint; sodann, daß bei jeder solchen
Arbeit nach einem Maximum des Erfolgs und nach einem Minimum
der Last gestrebt wird. Das historisch-variable Moment ist hier in
der psychischen Schätzungsoperation gelegen. Daß alle vernünftigen,
sich ihres Handelns bewußten Menschen und daß die Menschen selbst
ohne sich der hier mitspielenden psychischen Vorgänge klar zu sein,
instinktiv so operieren, folgt aber aus dem menschlichen Wesen und
aus dem Wesen des praktischen Handelns der Menschen schlechthin,
und insofern ist das Prinzip der Wirtschaftlichkeit allerdings kein
historisches, sondern ein „absolut-ökonomisches“. —
Der charakteristische Grundzug von Cohn’s Werk ist, wie oben
"gesagt, die Behandlung der Nationalökonomie als „ethische“ Wissen-
schaft. Er versteht das etwa folgendermaßen. Das ökonomische Han-
deln ist nur ein Stück des menschlichen vernünftigen Handelns über-
haupt. Die ökonomischen Beweggründe sind nicht die einzigen, auch
nicht immer die mächtigsten. Neben ihnen und stets in irgend einer
Kombination nicht nur mit ihnen verbunden, sondern sie in ihrer
praktischen Wirksamkeit selbst durchdringend, daher auch modifizie-
rend, gehen andre Beweggründe, neben dem wirtschaftlichen Eigennutz
andre Triebe und zwar auch im Wirtschaftsleben, einher.
Alle Triebe und Beweggründe zusammen bilden erst die Grund-
lagen des menschlichen vernünftigen Handelns, wie überall so auch
auf wirtschaftlichem Gebiete, und erklären dies Handeln im einzelnen
Fall. Zur Ethik, als der Darstellung der handelnden Vernunft, gehört
die Okonomik mit hinzu. Rein ökonomische Beweggründe gibt
es daher nur in der Hypothese. In der Wirklichkeit, auch z. B.
selbst bei den Preisbildungen des Marktes, kommen sie immer als ethi-
sche und mit anderen ethischen Beweggründen zur Geltung. Nur das ist
das beobachtungsmäßig, nachinnerer psychologischer Analyse und
nach äußerer Erfahrung, „Menschliche“, nur dies das ,Natürliche“,
d.h. das der Menschennatur gemäße. Auch der Trieb des Eigennutzes
ist ferner keine konstante Größe, sondern wie beim Einzelnen verän-
derlich und bei verschiedenen Einzelnen ungleich stark, so auch in der
Gesellschaft historisch variabel. Und diese Variabilität, diese Modi-
fizierbarkeit, diese Beschränkbarkeit des wirtschaftlichen Egoismus,
diese Kombinierbarkeit egoistischer mit anderen ethischen Beweg-
Systematische Nationalökonomie. 399
gründen, diese Kreuzung des Egoismus als Trieb mit anderen Trieben
ist sowohl als etwas Mögliches und Thatsächliches, als auch oft als
etwas zu Erstrebendes schon in der nationalökonomischen
Theorie zu berücksichtigen. Für den wahren „Fortschritt“ auch
im praktischen Wirtschaftsleben, z. B. hinsichtlich des Übergangs ego-
istischer in oder selbst des Ersatzes solcher durch „altruistische“
Handlungen, ergeben sich demgemäß auch Forderungen in Bezug auf
diesen „Trieb des Eigennutzes“ und auf die Wirksamkeit egoistischer
ökonomischer Beweggründe — Ich kann diesen Erörterungen des
Verfassers, die ich hier freilich sehr zusammengezogen und daher
vielleicht nicht ganz genau nach seinem Sinne dargestellt habe, nur
voll und ganz beipflichten. Sie haben das wichtige und schwierige
Problem erheblich gefördert und geklärt.
Von dieser seiner „ethischen“ Auffassung der Nationalökonomie
aus gelangt Cohn dann auch zu der gerade neuerdings wieder öfters
hervorgetretenen Streitfrage, ob sich diese Wissenschaft, nach dem
Verlangen einzelner Anhänger des extremen „Historismus“, ausschließ-
lich auf die Untersuchungen über das, „was und wie es geworden ist“
und „was und wie es ist“ zu beschränken oder auch die Fragen nach
dem, „was sein soll“ mit zu behandeln habe. Er bejaht mit Recht
Letzteres, womit auch eine Formulierung des Problems durch Ro-
scher!), der jedoch in seiner Ausführung dieser Formel selbst nicht
treu bleibt, abgelehnt wird. Cohn begründet dabei seine Auffassung
schon durch den Charakter alles Wirtschaftlichen, das eben als
Ethisches „unter dem Leitstern eines bewußten Zwecks stehe“.
IV.
In meiner eigenen Auffassung bin ich zu folgendem Ergebnis in
diesen Fragen gelangt und stelle demgemäß eine Reihe von „Auf-
gaben“ für die Nationalökonomie auf wobei zugleich die Anwendung
der einzelnen Methoden berührt werden mag?).
Unser wirtschaftliches, d. h. auf die Beschaffung und Verwen-
dung von Mitteln zur Befriedigung der Bedürfnisse oder von „Gü-
tern“ gerichtetes Handeln wird, teils als menschliches Handeln
überhaupt, teils als wirtschaftliches Handeln speziell, von verschie-
denen Reihen von Beweggründen bestimmt. Diese Beweggründe
1) System I, 8 23 ff.
2) Vgl. meine „Grundlegung‘‘, 2. Aufl. 8 1—4, wozu aber berichtigend und aus-
führend die Erörterungen in $ 207 hinzuzunehmen sind. Da ich erst in der Fortsetzung
dieses Werks auf diese Fragen weiter eingehe, möge mir diese kurze Ausführung hier
gestattet sein. Siehe übrigens schon meine 1866 geschriebene Abhandlung ‚Statistik‘
im Staatswörterbuch X, 456 ff. (‚Theorie d, Statistik“), bes. 464 ff. (Statistik und
Nationalökonomie, Deduktion und Induktion). Vgl. auch Hasbach, Beitr. z. Methodol.
a. a. OÖ S. 183, mit der Polemik gegen meinen Gebrauch des Worts Hypothese. Sie
trifft nur meine in dem dort angeführten Satze zu knappe Ausdrucksweise, nicht
den klaren Sinn, in dem ich von „Hypothese“ in Bezug darauf spreche, daß das
„Selbstinteresse“ als allein wirkender Faktor angenommen werde und eben „hy-
pothetisch‘ so angenommen werden dürfe.
N. F. Bd. XII 16
230 Adolph Wagner,
treten in Verbindung mit einander und wirken dann teils gemein-
sam in einer Richtung, teils kreuzen sie sich, so daß Art und
Richtung unseres wirtschaftlichen Handelns sich demgemäß gestalten,
daher je nachdem in den einzelnen Fällen verschieden. Das
allgemein-menschliche Moment ist die Thatsache, dab
diese Beweggründe unser Handeln bestimmen können und wirk-
lich bestimmen, sowie, daß hier verschiedene Kombina-
tionen der Beweggründe und verschiedene Stärkegrade
jedes einzelnen derselben möglich sind und in den konkreten
Fällen vorkommen können. Das historisch-variable Moment
in der Bevölkerung eines Verkehrsgebiets, wie das individuell-
variable Moment bei den verschiedenen Einzelnen und bei
dem einen Einzelnen in verschiedenen Verhältnissen ist die
Thatsache, daß die Kombinationen dieser Beweggründe und die
Stärkegrade der letzteren sich ändern und darnach dann das
konkrete wirtschaftliche Handeln verschieden ausfällt. Daraus
ergibt sich auch die Möglichkeit und eventuell die Zweckmäßigkeit
und Notwendigkeit einer Einwirkung auf diese Kombinationen und
Stärkegrade durch innere psychische und durch äußere Einflüsse so-
wohl beim Einzelnen als bei einer ganzen Verkehrsgesellschaft. In-
sofern kann von einer nach einem bestimmten Ziel gerichteten „Er -
ziehung“ des Einzelnen wie des Volks zu dem diesem Ziel gemäß
als richtig geltenden wirtschaftlichen Handeln gesprochen werden.
Das Sittengesetz, die Moral, unterstützt durch das Recht,
und das Interesse der Gattung, gefaßt in Gesetzen der Sitte
und des Rechts, sind es, welche dem Einzelnen und dem Volke
dies Ziel stecken. Demgemäß ergeben sich dann sittliche und Rechts-
forderungen hinsichtlich der Stärkegrade der Beweggründe, der Stär-
kung des einen, der Schwächung, eventuell der Unterdrückung selbst
des andern und weiter hinsichtlich der Kombinationen der Beweg-
gründe Die Kulturentwickelung beruht darauf, daß die dem Sit-
tengesetz, das nur selbst wieder der geschichtlichen Entwickelung unter-
liegt, und dem Interesse der Gattung zumeist entsprechenden Beweg-
gründe, in den richtigen Stärkegraden und passenden Kombinationen
immer mehr auch im individuellen wirtschaftlichen Handeln zur Gel-
tung gelangen. In der Hauptsache: die Beweggründe individuellen
wirtschaftlichen Vorteils sind wenigstens möglichst zu verbinden mit
und zu ersetzen durch „altruistische“ Beweggründe. Und das letzte
und höchste Ideal für den Einzelnen und für die Verkehrsgesellschaft,
das dem Menschen zu erreichen nicht möglich ist, dem er aber zu-
streben soll und sich immerhin nähern kann, ist: unter den „egoisti-
schen‘ Beweggründen die feineren vor den gröberen, schließlich aber
den einen nicht-egoistischen vor allen egoistischen zu entwickeln.
Das, was in dieser Hinsicht der Einzelne und eine Verkehrsgesellschaft
erreicht, bildet den Maßstab ihres sittlichen Werts und ihrer wahren
Kulturhöhe.
Die einzelnen Beweggründe glaube ich nun im Wesentlichen auf
die aus vier Gliedern bestehende Gruppe „egoistischer“ und
Systematische Nationalökonomie, 331
auf einen „nicht-egoistischen“ zurückführen zu können. Jeder
Beweggrund hat zwei Seiten, nach denen er sich äußert. Die „ego-
istischen“ sind: 1) Der eigene wirtschaftliche Vorteil und die Furcht
vor eigener wirtschaftlicher Not. 2) Die Furcht vor Strafe und die Hoff-
nung auf Anerkennung, eventuell Belohnung. 3) Das Ehrgefühl und
die Furcht vor Schande. 4) Der Drang zur Bethätigung und Macht-
ausübung und die Furcht vor den Folgen der Passivität. Der „nicht-
egoistische‘‘“ Beweggrund ist das Drängen des Pflichtgefühls und die
Furcht vor Gewissensbissen.
Die Beweggründe des wirtschaftlichen Vorteils und der Furcht
vor Not sind es, welche der Theorie vom „wirtschaftlichen Selbstin-
teresse‘“, vom „Eigennutz“ in der Nationalökonomie vorschweben. Sie
sind die Grundlage des deduktiven Verfahrens der „abstrakten“ Doctrin,
insbesondere auch der extremeren Richtung des ökonomischen Indivi-
dualismus. Hypothetisch immer mit Recht, und zur Isolierung
der Ursachen ein bewährteres methodisches Hilfsnittel als irgend ein
anderes. Auch zur Erklärung des Kausalnexus in den wirklichen
wirtschaftlichen Erscheinungen wenigstens bis zu einem gewissen
Grade sogar immer mit Recht, insofern hier eben doch ein allge-
mein-menschliches Moment vorliegt, das durch die physische
und die davon zunächst mitbedingte geistige Organisation des Men-
schen und durch die Beziehungen des letzteren zur äußeren Natur
in der That „naturgesetzlich“, daher ein für allemal begründet
ist; — ein Moment, welches, im einzelnen wirkend, zugleich das In-
teresse der Gattung darstellt, da die Gattung ja doch nur durch die
Einzelnen vertreten und in der Zeit erhalten wird. Die Einwände
historischer Nationalökonomen sind unklar und gehen hier wieder zu
weit, wenn sie, statt einen bloß bedingten Wert der Deduktion
aus dem „Eigennutz“ anzuerkennen, diesen Wert ganz bestreiten.
Sie machen hier nur den entgegengesetzten Fehler der Vertreter der
reinen Deduktion, aber dem Grade nach einen größeren ; ihnen schwindet
über der Modifikation und Differenzierung des „wirtschaft-
lichen Interesses“ in den Individuen wie in den Völkern und Zeit-
altern, über den wechselnden Stärkegraden desselben und den
wechselnden Kombinationen mit anderen Beweggründen das blei-
bende „allgemein Menschliche“ in diesem Selbstinteresse
ganz aus den Augen. Die rein deduktiv verfahrenden Nationalökonomen
begehen dem gegenüber doch nur den kleineren Fehler, die individu-
elle und historische Modifikation und wechselnde Kombination des
Selbstinteresses mit anderen Beweggründen zu übersehen, — den
kleineren Fehler, aber darum doch auch einen an sich großen und
verhängnisvollen Fehler. .
Ich rechne dazu noch nicht einmal das Überschen der Thatsache,
daß bekanntermaßen da, wo von wirtschaftlichen Handlungen nach
dem Beweggrund des wirtschaftlichen Vorteils gesprochen wird, oft-
mals nicht der eigene, individuelle, sondern der Vorteil An-
derer, wenn auch regelmäßig solcher, an deren ökonomischem Er-
gehen der Handelnde ein Interesse nimmt, das treibende Motiv ist
16 *
2332 Adolph Wagner,
(Familie, Erwerb zu Zwecken des Übergangs des Vermögens an
Erben!). Hier schlägt die „egoistische“ in eine „altruistische“ Hand-
lung über. Aber man kann immerhin sagen, daß hier zwar eine
Erweiterung egoistischer Motive bloß über das Individuum hinaus
stattfindet, indessen doch immer noch ein egoistisches Motiv ein-
wirkt. Wichtiger ist die schon angedeutete individuelle und histori-
sche Modifikation, Differenzierung und Kombination der Beweg-
sründe des wirtschaftlichen Vorteils mit anderen. Man mag m. E.
immerhin gerade im Hinblick auf das Wesen von Bedürfnis und
Befriedigung, auf Befriedigungstrieb und wirtschaftliches Prinzip, auf
Arbeit und Wirtschaft und auf die Schätzung dieser Momente in der
menschlichen Seele von der „wirtschaftlichen Natur“ des
„Menschen schlechtweg“ sprechen und demgemäß dann dedu-
zieren: falsch ist es eben, daneben zu verkennen, daß das, was man
so die „wirtschaftliche Natur“ des Menschen nennt, weder individuell
noch historisch bei Völkern etwas Konstantes ist; ebenso falsch, un-
beachtet zu lassen, daß diese sogenannte „wirtschaftliche“ Natur
eben nicht die ganze „Natur“ des Menschen ist, und endlich nicht
minder falsch, nicht genügend zu berücksichtigen, daß auch im
wirtschaftlichen Leben der „Mensch“ als einheitliches Wesen
stets einer Summe verschiedenartiger Beweggründe in verschiedener
Kombination und Stärke in seinem Handeln zugänglich ist und so
auch seine wirtschaftlichen Handlungen nicht bloß die Resul-
tate des beweggrunds des „wirtschaftlichen Vorteils“, sondern anderer
Beweggründe zugleich mit sein können, thatsächlich oftmals sind und
jedenfalls häufig sein sollen.
Die zweite Reihe „egoistischer“ Beweggründe nannte ich oben
„Furcht vor Strafe“ (oder überhaupt: vor Nachteilen nicht-ökonomischer
Art) und „Hoffnung auf Anerkennung, Belohnung“ nicht-ökonomischer
Art. Diese Beweggründe gehören zu den psychologischen Faktoren
in Zuständen der persönlichen Unfreiheit, des Arbeitszwangs u. dgl.
und erklären die wirtschaftlichen Erscheinungen hier mit. Man darf
sie daher namentlich für die Erklärung wichtiger wirtschaftsgeschicht-
licher Vorgänge und des Prozesses des „Unproduktiv-werdens“ unfreier
Arbeit nicht übersehen !). Ihre Berücksichtigung führt bereits zur
Modifikation mancher Schlüsse, welche man aus dem Motiv wirtschaft-
lichen Vorteils zu absolut abgeleitet hat. Auch für praktische Fragen
ist eine solche Berücksichtigung, gegenüber der zwar im Ganzen
richtigen, aber doch wieder öfters zu einseitig und zu absolut beton-
ten Hervorhebung der „alleinigen segensreichen Wirksamkeit‘ des
Motivs des eigenen wirtschaftlichen Vorteils, wichtig, so, wo es sich
um Beseitigung oder Beschränkung persönlicher Unfreiheit, um Ein-
richtungen des Arbeitszwangs, Sparzwangs handelt. Indem man z.B.
den Neger wirtschaftspsychologisch ebenso wie den Europäer betrach-
tete, erfuhr man eben so manche Enttäuschungen nach dessen Eman-
zipation.
1) 5. darüber die Ausführung in meiner Grundlegung $ 207 ff.
Systematische Nationalökonomie. 233
In der dritten Reihe egoistischer Beweggründe, Ehrgefühl und
Furcht vor Schande, treten höhere, feinere, anständigere, edlere Mo-
tive, aber immer doch noch — egoistische in die Betrachtung
ein. Gerade sie statt oder doch neben dem „ordinäreren“, gröberen
Motiv des wirtschaftlichen Vorteills auch im wirtschaftlichen
Handeln wirksam zu sehen, ist oftmals eine erfreuliche Erscheinung,
mitunter die Glanzseite wirtschaftlicher Organisationen (Zunftwesen
in seiner Blütezeit!) und demgemäß ein bei solchen und überhaupt in der
Wirtschaftsgesetzgebung ernstlich zu berücksichtigendes Moment. Das
Mitspielen-Können und das thatsächliche Mitspielen dieser Motive ist
unbestreitbar , beides zu übersehen daher ein Fehler der älteren „Ei-
gennutz-Doktrin“, ein Fehler, der vielleicht praktisch noch ver-
hängnisvoller als mancher andre wurde, weil er zu dem Trugschluß
den Anlaß gab, daß „im wirtschaftlichen Verkehr“ ein Mitspielen
solcher Motive neben „rein-ökonomischen“, d. h. nur den wirtschaft-
lichen Vorteil berücksichtigenden ein thörigtes Verlangen sei. „Allzu
große Skrupulosität ist im Handel verdientermaßen im Nachteil!“ !)
Von solchem Satz ist es nicht so weit zu dem — gottlob weit über-
triebenen — des Wiener Börsianers: „Heut zu Tage erwirbt man die
Millionen nicht, ohne mit dem Ärmel ans Zuchthaus zu streifen“. ?)
Bedenkt man übrigens, wie der Drang nach Befriedigung des Ehr-
gefühls auch dem Ehrgeiz zu Grunde liegt, so tritt hier der
„egoistische“ Charakter auch dieser Motiv-Reihe nicht nur besonders
deutlich hervor, es ergibt sich auch die Möglichkeit einer stark
antisozialen und unsittlichen Geltendmachung solcher Beweggründe
.. runs als bei denjenigen des Strebens nach dem ökonomischen
orteil.
Es gibt aber noch eine vierte Reihe von Beweggründen mensch-
lichen und auch wieder wirtschaftlichen Handelns, welche in keiner der
vorausgehenden drei Reihen schon völlig enthalten sind, notorisch jedoch
mitspielen können und mehr oder weniger mitspielen, indessen, als
auch auf das handelnde „Ich“, dessen Interessen, Gefühle, Wünsche be-
züglich, noch zu der Gruppe der „egoistischen“ Motive gehören:
der auch von Schmoller einmal ähnlich hervorgehobene Bethätigungs-
drang, nicht immer, aber häufig verbunden mit dem Drang, „Macht“,
Einfluß auszuüben, daneben die Furcht, diesen Einfluß zu verlieren,
aber vielleicht auch die Furcht vor sonstigen psychisch, selbst physisch
(Gesundheit!) „unangenehmen“ Folgen, und sei es bloß die Furcht —
vor Langerweile Wirtschaftliche Erwerbsinteressen oder dgl. m.
brauchen hier gar nicht in Frage zu stehen; auch eigentlicher Ehr-
geiz nicht, wenn er auch grade in diesen Fällen oft mitspielen wird.
Anderseits können sich „gemeinnützige“ Motive mit dieser Reihe von
Beweggründen öfters verbinden, aber der innere psychologische Vor-
gang, der eigentliche „Hebel“ unseres Handelns, unseres Heraustretens
aus der Passivität ist doch ein anderer: eben Bedürfnis und Drang
1) Emmighaus in Rentzsch, Handwörterb. der Volkswirtschaftsl, S, 170, vgl.,
meine Grundleg. 2. A. S. 233 und bes. $ 136.
2) Schmoller, Preuß. Jahrb. 1874, meine Grnndleg. S. 246.
254 Adolph Wagner,
%
zum „Thun als solchem“. Mitunter, z. B. bei der energischen Thä-
tigkeit von großen Unternehmern, mag das Ziel auch dieses Bethäti-
gungsdrangs „Vermögens-Vermehrung‘“ sein, aber nicht sowohl um
des wirtschaftlichen Vorteils wegen, als um der bloßen Macht willen,
die das „Mehr-Haben“ gewährt. Die „Pleonexie“ ist dann auch hier
kein bloß oder selbst gar kein rein wirtschaftliches Motiv. —
Manche wirtschaftliche Erscheinungen, grade der modernsten Art,
großartige Spekulations - Manöver des Börsentreibens (Kampf des
Pereire'schen Credit-mobilier, als der Vormacht des „portugiesischen“
Judentums gegen Rothschild, als den Repräsentanten des „deutschen“
Judentums, ein anerkanntes und ausgesprochenes Motiv der E. und
J. Pereire! Amerikanische Vorgänge) sind mehrfach psychologisch
nicht in erster Linie auf bloße Erwerbstendenzen, sondern auf Macht-
Bedürfnisse u. dgl. mit zurückzuführen.
Endlich aber tritt in diesen Kampf der Motive und in diesen
Kampf um die Interessen des Ich und derer, die das „Ich“ sich hier
zugesellt, auch beim wirtschaftlichen Handeln wenigstens möglicher
Weise und gottlob doch auch öfters thatsächlich, — jene anderen
Motive in der Seele und deren Wirkungen im wirtschaftlichen Leben
zurückdrängend, modifizierend, kompensierend — das „nicht-egoisti-
sche“ Motiv: das Pflichtgefühl mit seiner Begleitung, wenn es
nicht oder nicht genügend befolgt wird, den „Gewissensbissen“. Es
bewirkt z. B., daß der Konkurrenzkampf nicht bis zum Außersten
getrieben, der Preis nach Oben und Unten nicht so gestellt wird, wie
es die eine Partei bloß in der Verfolgung ihres Vorteils wohl erreichen
könnte und wie sie es zu thun auch von Ehrgefühl und Anstand
nicht abgehalten würde. Es gehört daher hierher nicht nur das ganze
große Gebiet der „karitativen‘“ Thätigkeit, wie ich es anderswo ge-
nannt habe, des unentgeltlichen Almosens u. s. w., sondern namentlich
auch dieses Gebiet der Fälle, wo der jeweilig wirtschaftlich, sozial,
durch Bildung, Kenntnis Überlegene absichtlich sein wirtschaftliches
Interesse nicht allein zum maßgebenden Bestimmungsgrund seines
wirtschaftlichen Handelns macht.
Was hier aber einzeln thatsächlich geschieht, individuell-freiwillig,
das wird eben oft als sittliches allgemeines Postulat aufzu-
stellen sein. Es wird sich, aller Erfahrung nach, am Wirksamsten
realisieren, wenn es zugleich als Postulat religiöser Anschauung
auftritt, wie in der jüdischen und christlichen Religion vor allen, und
vollends hier mit kirchlichen Verwaltungseinrichtungen in Verbindung
tritt (Stiftungswesen, katholische Kirche!). Wie hier schon teilweise
kann es aber auch sonst noch durch Aufnahme in die Sitte Ver-
breitung gewinnen. Und indem es so ein immer allgemeiner aner-
kanntes Postulat wird, bereitet sich auch seine allmälige Aufnahme
in die Rechtsordnung und daher seine, wenigstens partielle,
Durchführung durch den Rechtszwang vor. Das große geschicht-
liche Beispiel ist die Wuchergesetzgebung. Aber überhaupt
alle Gesetze, welche die Freiheit der Verträge beschränken, um „Aus-
beutungen“ der „Schwächeren“ im wirtschaftlichen Konkurrenzkampf
zu verhüten, und welche Vorsorge zur Ergänzung des in diesem
Systematische Nationalökonomie. 235
Kampfe erworbenen Einkommens treffen, sind hierher zu zählen: die
Arbeiterschutzgescetzgebung, die Arbeiterversicherungs-Gesetzgebung
bewegen sich auf diesem Boden. Hier liegen für den Einzelnen freie
sittliche, für die Gesellschaft Aufgaben der Einbürgerung „sittlicher“
Sitten und Gesetze im wirtschaftlichen Verkehr vor. Indem Mittel
Anderer als der nächsten Interessenten, Mittel der Gesamtheit, etwa
aus Steuererträgen, zu Wohlfahrtszwecken einzelner Klassen ver-
wendet — Beiträge aus öffentlichen Kassen zu Schulzwecken, zu
Dotationen der Arbeiterversicherung — und demgemäß Rechtsnormen
und mit Zwang drohende Gesetze erlassen werden zeigt sich eben,
daß sich allmälig das „Gewissen der Gesellschaft“ gerest
und Einfluß gewonnen hat. (Kaiserliche Botschaft vom 17. November
1881). Hier ist dann jenes, wohl niemals von Menschen ganz zu
verwirklichende, aber doch von ihnen stets zu erstrebende Ideal der
„richtigen und billigen“ Einkommen-Verteilung aufzustellen, einer
Verteilung, nach welcher die unter der Wirksamkeit jener ‚‚egoisti-
schen“ Motive-Reihen zustandekommende Verteilung zu berichtigen,
zu verändern ist: ein Postulat gegenüber der Doktrin der freien Kon-
kurrenz. Aber freilich ist hier auch die dem „Pflichtgefühl“ ent-
sprechende Beteiligung eines Jeden mit seinen Kräften an der Ver-
mehrung, Verbesserung, Kostenverminderung der Produktion als das
zu erstrebende Ideal nicht minder aufzustellen. Gerade um diese
Beteiligung zu erzielen, bedarf es, wie wir den „Menschen“ nicht nur
historisch kennen, sondern wie wir ihn darnach als in alle Zukunft
und in jeder denkbaren „Organisation der Gesellschaft und Volks-
wirtschaft‘ psychisch beschaffen ansehen dürfen, einer Mit-Wirksam-
keit jener „egoistischen“ Motive-Reihen, die nur vom „Pflichtgefühl“
geläutert und gezügelt werden müssen: ein Postulat, mit welchem in
ersterer Hinsicht gegen Tendenzen des extremen Sozialismus, in letz-
terer wieder gegen solche des extremen Individualismus der freien
Konkurrenz Stellung genommen wird !).
Soweit nun die Theorie mit psychischen Motiven operiert und aus
ihnen deduziert, muß sie stets bei ihren Erklärungen der Ursachen
und Bedingungen wirklicher, durch menschliche wirtschaftliche Hand-
lungen bewirkter Erscheinungen von der Möglichkeit des Mit-
spielens aller jener verschiedenen Beweggründe ausgehen. Sie kann
dann hypothetisch von der Mitwirkung einzelner absehen und
z. B. die Wirksamkeit des Beweggrunds des höchst möglichen wirt-
schaftlichen Vorteils allein voraussetzen. Aber sie darf nicht von
vornherein als sicher annehmen, daß dem in der Wirklichkeit so
ist und daß daher dies eine Motiv zur Erklärung der Erscheinung
ausreicht. Vielmehr ist das immer erst durch Beobachtung, an
der Erfahrung, zu erproben. Wo es sich in der Theorie um die
Frage des „Sein soll“ handelt, muß auch immer erst untersucht, darf
niemals ohne Weiteres als sicher angenommen werden, daß der zu
1) Ich beziehe mich für die nähere Erläuterung und Begründung des Obigen nament-
lich auf den Abschnitt S. 134 ff. der zweiten Auflage meiner Grundlegung , über
„Bedarf und Einkommenlehre vom Verteilungsstandpunkte betrachtet‘.
236 Adolph Wagner,
erstrebende Zustand schon durch das Walten des wirtschaftlichen
Selbstinteresses „von selbst‘ sich herstellen werde. Erweist sich das
als irrig, so sind jene anderen „egoistischen‘“ Motive mit auf ihre
Zulässigkeit und mutmaßlich zweckmäßige Wirksamkeit zu prüfen
und ist endlich erforderlichen Falles an Beweggründe, welche aus
dem Pflichtgefühl entspringen, zu appellieren.
Um diese verschiedenen Motive dann zur Wirksamkeit zu
bringen und um die Einbürgerung guter Verkehrssitten
und den Erlaß richtiger wirtschaftlicher Rechtsgesetze
vorzubereiten, bedarf es darauf wieder angemessener praktischer
Vorkehrungen und Maßnahmen, für deren Gestaltung die Erfahrung
zu Rate zu ziehen ist. Als erste Vorbereitung wird vornemlich die
richtige Aufklärung der öffentlichen Meinung und deren Erziehung in
der gebotenen Richtung, in der oben dargelegten Weise, dienen müs-
sen: so, daß das Gewissen Einzelner, dann das „gesellschaft-
liche Gewissen“ erwacht und nunmehr auch die erforderlichen
Rechtsnormen und Zwangsmaßregeln Verständnis und genügende
Unterstützung finden, selbst wohl von der aufgeklärten öffentlichen
Meinung verlangt werden (Fabrikgesetzgebung, Arbeiterversicherung,
Steuerreformen). Nicht erst dann, was eben ein oft zu langes Zau-
dern bedingte, aber allerdings dann erst mit größerer Leichtigkeit
und sichererem Erfolge werden wirtschaftliche Organisationen
zu treffen sein. Sie werden den Einzelnen anregen, bestimmen,
nötigen, sein individuelles Interesse und die Motive des wirtschaft-
lichen Vorteils hinter andere Motive zurücktreten zu lassen und mehr
den Beweggründen des richtigen Ehrgefühls und des Pflichtgefühls
auch in seinem individuellen wirtschaftlichen Handeln zu folgen.
Daher erscheinen z. B. Korporative Gestaltungen der Er-
werbsstände auch in dieser Hinsicht vor der Atomistik des heu-
tigen Erwerbslebens empfehlenswert. Denn in letzterem kommen eben
die Beweggründe des einzelwirtschaftlichen Vorteils so leicht allein
zur Geltung und überwuchern die anderen. Die übermäßige „freie
Konkurrenz“ begünstigt, ja nötigt fast zu einer solchen Alleinherr-
schaft der Vorteils-Motive !). In der Praxis fragt sich dabei freilich
immer, ob und wie weit die möglichen Vorteile solcher korpora-
tiven Gestaltungen wirklich eintreten und ob ihnen nicht wieder
andre Nachteile, Erlahmung der produktiven Thätigkeit, des tech-
nischen Fortschritts, Koterie- und Cliquenwesen — das inhärente Mo-
ment fast alles Korporationswesens! — gegenüber stehen.
Erst auf Grund einer solchen umfassenderen Psychologie der
Motive des wirtschaftlichen Handelns kann das deduktive Verfahren
in der Nationalökonomie mit sichererem Erfolge gehandhabt werden.
Aber die Induktion wird auch hier immer zur „Verfeinerung“ der rohen
„Annäherungs-Wahrheiten“, welche deduktiv gewonnen worden sind
und meist nur gewonnen werden Können, zur Berichtigung, zur Be-
stätigung und Prüfung derselben hinzutreten müssen. Ich möchte
1) Meine Grundlegung $ 136: ‚Der Sieg der gewissenlosen Elemente.‘
Systematische Nationalökonomie. 237
hier von einem „Korrektivdienst“ und von einem „Ersatzdienst“ des
induktiven gegenüber dem deduktiven Verfahren sprechen.
Mit diesen beiden Methoden, der Deduktion aus psychischen Be-
weggründen, besonders und zunächst des „wirtschaftlichen Vorteils“,
sodann auch der übrigen genannten einer-, der statistischen und histori-
schen Induktion anderseits — welcher ergänzend die freilich viel rohere,
unsicherere, gleichwohl unentbehrliche ‚Methode‘ (wenn man sie noch so
nennen darf) der „täglichen Beobachtung“ und „allgemeinen Lebens-
erfahrung“ zur Seite tritt — sind alsdann die verschiedenen „Aufga-
ben‘ der Nationalökonomie anzugreifen und zu lösen, soweit eine
„Lösung“ in Frage kommen kann. Welche der einzelnen Methoden
hierbei voransteht, das hängt von der Beschaffenheit dieser einzelnen
Aufgaben und — gewiß praktisch stets wieder mit von der individuel-
len Geistesanlage, Neigung und dem zufälligen eigenen Bildungsgang
des einzelnen Forschers ab.
Als „Aufgaben“ der Nationalökonomie möchten folgende fünf
zu unterscheiden sein. Ich kann das hier nur kurz skizzieren, und
glaube es am kürzesten und deutlichsten zu machen, indem ich die
einzelnen Aufgaben als zu lösende Fragen formuliere.
I. Welches sind die wirtschaftlichen Erscheinun-
gen und Vorgänge, wie sind sie entstanden, wie haben
siesich entwickelt, verändert? Welchessind insbeson-
dere die typischen Momente, das „Generelle“ im „Indi-
viduellen?“
I. Wie sind diese Erscheinungen und das Typische
darin „ursächlich und konditionell“ zuerkläreninihrem
Verlauf, ihrem Gewesen-Sein und Sein?
Hier handelt es sich also, wie man es auch bezeichnen kann, um
ein Konstatieren und Erklären von wirtschaftlichen Thatsachen; in er-
sterer Hinsicht um ein Darstellen und Schildern, in zweiter Hinsicht
um ein Auffinden des Kausalnexus, der ursächlichen und bedingenden
Momente, d. h. — wie ich dies in Übereinstimmung meiner Formulie-
rung mit Ahrens verstehe — um die Feststellung der Ursachen,
die eine wirtschaftliche Erscheinung bewirkt haben und bewirken
und der Bedingungen, die sie möglich gemacht haben und mög-
lich machen.
Die Darstellung und Schilderung der Erscheinungen und
Vorgänge und ihres Verlaufs erfolgt mit Hilfe der Geschichte und
Statistik, eventuell der „täglichen Beobachtung‘, indessen nicht ohne
daß auch hier die vielen hierbei verbleibenden Lücken und fehlenden
Bindeglieder durch Deduktionen aus den möglicher, wahrscheinlicher
oder sicherer Weise mitspielenden psychischen Beweggründen und „aus
den bestehenden Verhältnissen“ hypothetisch ergänzt werden
müssen. °
Mit vollem Rechte jedoch, worin ich Menger beistimme, ist
grade in der Nationalökonomie nicht das Konkrete, dasIn-
dividuelle, sondern das Typische und Generelle das, was
durch Geschichte und Statistik in Verbindung mit Deduktion zu er-
mitteln die eigentliche Fachaufgabe ist. Darin liegt u. a. der Unter-
238 Adolph Wagner,
schied zwischen Wirtschafts-Geschichte und Wirtschafts-Theorie.
In letzterer kommt es daher auch in besonderem Maße auf verglei-
chende Wirtschaftsgeschichte und -Statistik an. Praktisch möchte
aus dieser verschiedenen Aufgabe des nach Feststellung des Indivi-
duellen strebenden Historikers und des nach Ermittelung des Gene-
rellen strebenden Theoretikers auch die Berechtigung, wenn nicht Not-
wendigkeit der wissenschaftlichen Arbeitsteilung folgen.
Die Erklärung des Kausalnexus findet zunächst ebenfalls vor-
nehmlich hypothetisch nach dem deduktiven Verfahren statt, unter
Vergleichung der Gestaltungen, welche hiernach abzuleiten sind, mit
den wirklich konstatierten Gestaltungen. Daher auch hier wieder eine
Verbindung von Deduktion und Induktion. Namentlich die verglei-
chende Statistik hat hier eine große Aufgabe als „Probeverfahren“,
dessen Anwendung freilich von der technischen Ausbildung der Sta-
tistik mit bedingt ist.
II. Wie sind die wirtschaftlichen Erscheinungen
und Vorgänge zu beurteilen nach ihrem „gescellschaft-
lichen Wert“, daher nach dem hierfür aufzustellenden
Maßstab des richtigen volkswirtschaftlichen Produk-
tions- und Verteilungs-Interesses? Welches ist die-
ser Maßstab?
IV. Welches Ziel ist daher der volkswirtschaftli-
chen Entwickelung mit Rücksicht auf Produktion und
Verteilung zu stellen? — Die Frage nach dem „Sein-
Sollen“ für die Richtung der volkswirtschaftlichen Ent-
wickelung.
Ein solcher Maßstab ist notwendig und läßt sich auch gewinnen,
indem die empirisch zu konstatierende jeweilige ökonomisch-technische
Möglichkeit des Produzierens mit der Kkonstatierten Wirklichkeit des-
selben und die nach Erwägungen des Gesellschafts- und Gattungs-
Interesses unter steter Berücksichtigung des Standes der Produktions-
technik und Bevölkerungsgröße als Ideal zu erstrebende Verteilung
des Volksvermögens und Volkseinkommens mit der konstatierten wirk-
lichen Verteilung verglichen werden. Dieser Maßstab ist daher not-
wendig ein geschichtlich und örtlich veränderlicher, ver-
änderlich unter Einflüssen der ganzen volkswirtschaftlichen Entwickelung,
von denen der Stand der Produktionstechnik und der Bevölkerungs-
sröße die auf die Dauer entscheidenden sind.
Das Ziel ist in Betreff der Produktion: eine solche Höhe und
Beschaffenheit der Produktion, welche für die Befriedigung der ge-
rechtfertigten materiellen, geistigen und sittlichen Bedürfnisse des
Volks ausreicht — also ebensowenig sie unterschreitet, als sie über-
schreitet: beides gegen das wahre Interesse der Kulturentwickelung,
wenngleich meistens nur an das erste, den Druck „zu kleiner“ Pro-
duktion gedacht wird. Zugleich aber eine möglichst mit den jeweilig
erreichbaren minimalen — „rein natürlichen“ oder „volkswirtschaft-
lichen“ ') — Kosten arbeitende Produktion: der potentiell vom Stande
1) Meine Grundleg. 2. Aufl. $ 83.
Systematische Nationalökonomie, 23)
der Technik, daher namentlich von der Beherrschung der Naturkräfte
abhängige Faktor. Aus der Vergleichung einer solchen nach Menge,
Art, Kosten der Produkte „idealen“ Produktion mit der jeweilig wirk-
lichen ergibt sich dann das Urteil über letztere.
Das Ziel in Betreff der Verteilung des volkswirtschaftlichen
Produktionsertrags läßt sich immer nur für einen gegebenen Stand der
Produktionstechnik und der Bevölkerungsgröße aufstellen. Maßgebend
muß dafür stets das dauernde wahre Interesse der Gattung, des Volks-
ganzen sein, was Umfang und Art der Bedürfnisbefriedigungen der
Klassen und Einzelnen anlangt. Daher als ideales Ziel eine solche
Verteilung, welche mit dem Fortschritt der Produktionstechnik und
Produktion auch den Massen der Bevölkerung die Befriedigung
der materiellen Bedürfnisse in einem ihre physische, geistige und sitt-
liche Entwickelung verbürgenden Umfang und Art und die wachsende
Teilnakme an wahren Kulturgütern gestattet ?). Wie weit das prak-
tisch zu erreichen, das ist freilich nicht nur von der Höhe der Quote
des Volkseinkommens, welche als Renteneinkommen, Unternehmergewinn
und höherer Arbeitslohn (Gehalt u. s. w.) an die oberen Klassen fällt
— und im Produktions- wie in einem dem wahren Kulturinteresse
entsprechenden Verteilungsinteresse fallen muß —-, sondern, was
der Sozialismus viel zu wenig beachtet, auch von dem Maße der
Volksvermehrung verglichen mit demjenigen der Produktionsver-
mehrung abhängig (s. u. Abschn. VL). Aus der Vergleichung einer
solchen „idealen“ mit der wirklichen Verteilung und der dadurch be-
dingten Lebenslage und Lebensführung ergibt sich dann wieder das
Urteil über die bestehende Verteilung.
In methodologischer Hinsicht haben auch hier wieder das deduk-
tive und das historisch-statistische und an die tägliche Beobachtung
anknüpfende induktive Verfahren sich miteinander zu verbinden.
V. Welches sind die Mittel und Wege zur Erreichung
des, bez. zur Annäherung an das idealeZiel der Produk-
tion und Verteilung? — Die Frage nach dem „Wasthun
sollen“ in der Verfolgung der durch das ermittelte Ziel
bezeichneten Richtung.
Hierhin gehören zunächst die Mittel, welche sich auf die psy-
chische Beeinflussung des Willens der wirtschaftlich handelnden
Einzelnen beziehen, damit dieser Wille in der durch das volkswirt-
schaftliche Produktions- und Verteilungs-Interesse bestimmten Rich-
tung die wirtschaftlichen Handlungen bestimme. Daher gerade hier
wieder umfassendste Anwendung des deduktiven Verfahrens in der Un-
tersuchung und alsdann Prüfung der abgeleiteten Schlüsse an den
Thatsachen des Lebens, also entsprechende Beobachtungen. Ferner
gehören hierhin als geeignete Mittel zur Erreichung des Ziels die Ent-
wickelung und Verbreitung richtiger sittlicher Anschauungen und
Grundsätze und auf diese gestützt richtiger Sitten und Gewohn-
heiten im wirtschaftlichen Verkehr, wodurch wiederum die dem
Ehr- und dem Pflichtgefühl, auch richtigem Bethätigungsdrange ent-
1) Meine Grundleg. 2. Aufl. $ 99 fi., 107, 108 ff.
240 Adolph Wagner,
sprechenden Beweggründe erforderlichen Falles über die Beweggründe
des bloßen wirtschaftlichen Vorteils des Handelnden die Oberhand
gewinnen. Auch hier daher wieder ein großes Gebiet psychologischer
Analysen, des deduktiven Verfahrens, der Prüfung an den Thatsachen.
Endlich liegen aber die hierher gehörigen geeigneten Mittel auch in
den erforderlichen wirtschaftlichen Organisationen und
Normen der Rechtsordnung, in mit Zwang und Strafandrohung
verbundenen Ge- und Verboten, lauter vielfach unentbehrliche und
praktisch oft allein in Betracht kommende Mittel, um im wirtschaftlichen
Leben das zu erreichen, was schädliche egoistische, was das Fehlen
richtiger Beweggründe der einzelnen Handelnden, was sittliche Män-
gel der Bevölkerung und schlechte Verkehrssitten sowie der Mangel
guter, sonst zu erreichen unmöglich machen. In der „Organisation“
handelt es sich wohl vornehmlich um die Verbindung des „gemein-
wirtschaftlichen“ mit dem „privatwirtschaftlichen“ System, bez. um
den teilweisen Ersatz des letzteren durch jenes, sowie um Organisa-
tionen der Erwerbsstände des privatwirtschaftlichen Systems. Bei den
„Normen der Rechtsordnung‘ kommt die teils prinzipiell privatrecht-
liche, teils verwaltungsrechtliche Beschränkung, bez. Regelung der
„freien Konkurrenz“, daher des Privateigentums an sachlichen Pro-
duktionsmitteln, des Vertragsrechts, des Erbrechts u. dgl. m., die Aus-
dehnung des Expropriationsrechts zur Erwägung.
Was im einzelnen Falle geschehen soll, läßt sich stets nur auf
Grund sorgfältigster Feststellung des bestehenden Zustandes und, sO-
weit es möglich ist, auf Grund der Vergleichung anderer, etwa unter
den in Frage kommenden Verkehrssitten, Organisationsformen und
Normen zu anderer Zeit oder anderswo bestehender wirtschaftlicher
/ustände bestimmen: Daher hier zunächst wieder ein Gebiet umfas-
sendster Anwendung statistischer und geschichtlicher Beobachtungen
zum Zweck der Thatsachen-Konstatierung, oft besonders zweckmäßig
wohl in Form amtlicher statistischer Aufnahmen ad hoc
und in Form von Enquöten. Letztere kommen zugleich für die
Wahl der neuen ÖOrganisationsformen und Rechtsnormen mit in Be-
tracht. In diesem Falle und bei dem Vorgehen mit praktischen ad-
ministrativen und legislativen Maßnahmen ist aber immer zugleich
das deduktive Verfahren mit seinen hypothetischen Schlußvoraussetz-
ungen und Schlüssen unentbehrlich, z. B. um zu beurteilen, ob bei
dem gegebenen Sittlichkeits- und Sittenzustande einer Verkehrsgesell-
schaft und bei der gegebenen Stärke und Kombination der das wirt-
schaftliche Handeln der Einzelnen im Durchschnitt eben einmal bestim-
menden Beweggründe von veränderten Organisationen und Rechtsnor-
men das beabsichtigte Resultat zu erwarten ist. Wie oft wird man
hier, grade weil es sich doch stets namentlich darum handeln muß,
den Willen der Wirtschaftenden durch die richtigen, das Gesamt-
interesse berücksichtigenden Beweggründe bestimmen zu lassen, um
ein erstrebtes Ziel zu erreichen, auf den langsameren, aber dauernd
erfolgreicheren Weg sich hingewiesen sehen, durch individuelle und
gesellschaftliche Erziehungsmaßregeln, vor allem durch Begünstigung
Systematische Nationalökonomie. 941
der eigenen persönlichen Zucht, den Willen unter den Einfluß anderer
als der bisherigen Beweggründe, anderer Kombinationen von solchen
zu Stellen und in Verbindung hiermit die Einbürgerung anderer sitt-
licher Grundsätze und anderer Sitten im Verkehr zu erstreben und
abzuwarten.
Diese fünf Aufgaben — des Konstatierens der wirtschaft-
lichen Erscheinungen und ihres Verlaufs, des Erkläreus ihres
Kausalnexus, des Beurteilens ihres gesellschaftlichen Werts, des
Ziel-Aufstellens für die volkswirtschaftliche Entwickelung, des
Wegweisens zu diesem Ziele hin — bilden, scheint mir, die ein-
zelnen Teile der großen Gesamtaufgabe der wissenschaftlichen
Nationalökonomie. Im System dieser Disziplin müssen sie alle
zu lösen gesucht werden. Auf die Gestaltung dieses Systems hat
diese Teilung der Aufgaben ihren Einfluß, doch m. E. nicht so, dal;
jeder Aufgabe ein formell abgesonderter Teil des Systems wieder
entspricht. Dazu hängen wenigstens die vier ersten Aufgaben unter
sich und je die erste mit der zweiten und die dritte mit der
vierten zu eng zusammen. Nur die fünfte, bei der es sich eben um
praktisches Können, um „Kunst“ vornemlich handelt, scheidet sich
von den anderen weiter ab. Die vier ersten Aufgaben möchte ich
für den „allgemeinen“ oder „theoretischen“ Teil des Sy-
stems der „Sozial-Okonomie“ vindizieren, die fünfte für den „spezi-
ellen“ oder „praktischen“ Teil (als „wirtschaftliche Verwaltungs-
lehre“, vornemlich aus dem Standpunkt de lege lata vorgehend und
darlegend, als „Volkswirtschaftspolitik“ in die Erörterung de lege
ferenda hinüberführend). Die erste und zweite Aufgabe bildet das Thema
der mehr darstellenden ersten, die dritte und vierte das der mehr prin-
zipiell erörternden zweiten Abteilung des theoretischen Teils. Dieser
zweiten Abteilung möchte ich die Bedeutung einer „Grundlegung“ in be-
sonderem Maße zuschreiben. Im System wird sie großenteils, in Ver-
bindung mit psychologischen Analysen des Trieblebens und der Motive-
Kategorien, sowie etwa mit grundbegrifflichen, methodo- und systema-
tologischen und litterarhistorischen Erörterungen der darstellenden
Abteilung passend voran, daher an die Spitze des Ganzen zu stellen
sein.
Deduktion aus den psychischen Motiven und aus den als gegeben
angenommenen wirtschaftlichen Verhältnissen und Lebensbedingungen
heraus und historisch-statistische Darstellung und Induktionsschlüsse
daraus haben sich überall zu verbinden, wenn sie auch, nach den
gemachten Andeutungen, bei der Behandlung der einzelnen Aufgaben
in verschiedenem Umfange zur Anwendung kommen müssen. Die
Individualität des einzelnen Forschers wird, wie gesagt, ein Übriges
dazu thun, daß bald die eine, bald die andere Methode mehr oder
weniger als von anderen Forschern gehandhabt wird. Nicht das bildet
an und für sich einen Anlaß zu Lob und Tadel, sondern nur die
richtige oder unrichtige Anwendung jeder Methode im konkreten Fall
und der Wert oder Unwert der von jedem Forscher mit der von
ihm gebrauchten Methode gewonnenen Ergebnisse. Diese letzteren
242 Adolph Wagner,
aber sind notwendig nach den unterschiedenen Aufgaben selbst ver-
schiedene: Thatsachen, Kausalerklärungen, Urteile, Zielpunkte, weg-
weisende praktische Fingerzeige. —
V.
Zu Gohn’s Werk zurückkehrend, will ich mir nur wenige Bemer-
kungen zu dem litterargeschichtlichen Abschnitt erlauben.
Bei der notwendigen Knappheit eines solchen Abschnitts und bei der
notwendigen Beschränkung der Darstellung vornemlich auf die all-
gemeinen, daher namentlich selbst wieder die systematischen und etwa
prinzipielle Erörterungen enthaltenden Werke in einem solchen
systematischen Buche, zumal von dem mäßigen Umfange des Cohn’-
schen, wird eine derartige litterargeschichtliche Skizze schwer allge-
mein befriedigen. Die monographische und Speziallitteratur, die doch
oft auch auf die allgemeine Doktrin großen Einfluß besitzen kann,
kommt nicht genügend zur Geltung, meistens nicht einmal zur Er-
wähnung. Dem Einen wird die Skizze zu viel, dem Andern zu wenig
bieten, was sie erwähnt und was sie nicht erwähnt, Tadler finden.
Trotzdem möchte ich für die Zweckmäßigkeit wenn auch nur einer
solchen „Skizze“ in einem solchen Buche plädieren. Auch scheint
mir Cohn wiederum hier nach Inhalt, Umfang, Form im Ganzen
wenigstens das Richtige getroffen zu haben. Um mehr als um eine
Orientierung kann es sich freilich nicht handeln, diese aber ist geboten
und zunächst doch ausreichend. Bei der auch in unserem Fache
jetzt mehr und mehr hervortretenden wissenschaftlichen Arbeitsteilung
und bei der beliebten, in gewissem Umfang ja unvermeidlichen Be-
schränkung vollends der jüngeren Fachmänner auf Spezialstudien ist
umsomehr wenigstens die Kenntnis der älteren allgemeinen Haupt-
litteratur der Disziplin zu verlangen. Mich wenigstens hat es immer
peinlich berührt, wenn ich jüngere Männer, namentlich aus der „histo-
rischen“ oder aus einer ausgesprochen „sozialistischen“ Richtung, über
die bisherige „dogmatische“ und „liberale“ Nationalökonomie und deren
theoretische und praktische Hauptlehren kurzweg den Stab brechen sah
und von ihrem „höheren“ historisch-wissenschaftlichen und sozialpoliti-
schen Standpunkte aus darüber geringschätzig aburteilen hörte, sich dann
aber ergab, daß ihnen Smith, Ricardo, selbst Mill, Hermann u. a. m.
nur vom Hörensagen bekannt waren. Ein litterargeschichtlicher Ab-
schnitt wie in Cohn’s Werk wird schon dem Anfänger es nahe legen,
sich wenigstens einigermaßen mit den Hauptwerken der früheren
Litteratur durch eigenes Studium bekannt zu machen. Nicht selten
wird der enge Spezialist dann bei einiger Unbefangenheit wahrnehmen,
daß es doch auch vor ihm schon Leute gegeben hat, welche mit
einigem Ernst und einiger Kenntnis auf dem Gebiete seines Fachs
gearbeitet, geforscht, gedacht haben, auch wenn sie es in andrer
Weise und mit andren Methoden thaten, als er es für richtig hält.
In einigen Punkten weiche ich gerade in der litterargeschicht-
lichen Partie von Cohn ab. So geht es m. E. doch wohl zu weit,
Systematische Nationalökonomie. 2453
wenn das „Merkantilsystem“ als eigenes theoretisches System
der Nationalökonomie kurzweg gestrichen wird. Die verfehlte, meist
allzu schablonenhafte Darstellung in den Lehrbüchern ist freilich
aufzugeben, aber sie läßt sich auch recht wohl berichtigen. Der
Schwerpunkt des Merkantilismus liegt sicher mehr in der Praxis als
in der Theorie, verglichen mit den späteren „Systemen“, weshalb die
Darstellung dort mehr auf die Geschichte der Wirtschaftspolitik und
auf deren Hauptmaßregeln wird Bezug nehmen müssen. Allein aus
diesen praktischen Maßregeln lassen sich doch gewisse theoretische
und prinzipielle Gesichtspunkte ableiten, die, in Verbindung mit den
Erörterungen und Lehren der zeitgenössischen Litteratur, doch Ma-
terial genug für ein theoretisches System abgeben. U. a. hat schon
Bidermann’s wenig bekannte, aber gute kleine Schrift!) die tradi-
tionelle Lehrbuch-Doktrin richtig berichtigt. Daß die Zeit vom 16.
bis Mitte des 18. Jahrhunderts nach ihren theoretischen Auffassungen
nicht einfach als „merkantilistische“ bezeichnet werden kann, haben
Roscher, Laspeyres u.a. m. gezeigt. Aber auch dieser Umstand
nötigt doch keineswegs, ein eigenes theoretisches „Merkantilsystem“
fallen zu lassen. Am unpassendsten ist der Name. „Staatswirt-
schaftliches System“ wäre dafür nach dem Inhalte und nach seinen
theoretischen und praktischen Hauptvertretern (Colbert, Friedrich
d. Gr.) ein viel geeigneterer. Es diente auch zur Hinüberleitung der
Stadt- und der kleineren Territorialwirtschaft in die eigentlich staat-
liche Volkswirtschaft, wie Schmoller jüngst an dem Beispiel
Preußens vortrefflich nachgewiesen hat?), Es bewirkte eine wirt-
schaftliche und kulturliche Nationalerziehung, wie Dumreicher nicht
in neuer Weise, aber in beachtenswerter Darstellung für Frankreich
speziell zeigt 3).
Auch in der Auffassung des Physiokratismus und nament-
lich seines Verhältnisses zur Smith’schen britischen Okonomik möchte
ich Cohn nicht ganz beistimmen. Trotz seiner gegenteiligen Bemer-
kung scheint mir doch die Lehre von der freien Konkurrenz und von
der unter Voraussetzung dieser letzteren abgeleiteten Gesetzmäßigkeit
der wirtschaftlichen Vorgänge bei den Physiokraten und bei der
Smith’schen Schule das Entscheidende und das beiden Gemeinsame
zu sein. Eben desdalb bilden sie m. E. Eine Schule, aber zwei Pha-
sen derselben. Die Beurteilung von A. Smith ist, in Übereinstim-
mung mit anderen Neueren, bei Cohn, vielleicht wieder etwas zu
wenig anerkennend, aber im Kern, ın der Ermäßigung — nicht
Bestreitung — seiner Bedeutung gewiß richtig.
Die deutsche Nationalökonomie in der ersten Hälfte unseres Jahr-
hunderts wird wohl richtig beurteilt, nur möchte Hermann selbst
noch für die heutige Zeit, vollends für seine Zeit höher zu stellen
sein, als Cohn es thut. A. Held*) hat ihn, vielleicht etwas über-
1) Über den Merkantilismus, Innsbr. 1871.
2) Jahrb. für Gesetzgeb. 1884, bes. H. 1 8. 15 ff.
3) Der französ. Nationalwohlstand, Werk der Erziehung, Wien 1879.
4) Sozialismus u. s. w. (Leipzig 1878) $. 47: Nicht Ricardos Werk, sondern ler-
244 Adolph Wagner,
treibend, namentlich Ricardo gegenüber, den er unterschätzt und
zum Teil nicht verstanden hat, aber doch nicht ganz unpassend als
den Höhenpunkt, (ich möchte lieber sagen einen der Höhenpunkte)
der älteren Doktrin bezeichnet. Und weder in der deutschen noch
in der fremden Wissenschaft ist Hermann in manchen Erörterungen
über Grundbegriffe und über theoretische Hauptlehren (Preis, Vertei-
lung) bisher, was Schärfe und Abstraktionsvermögen anlangt, erreicht,
geschweige übertroffen worden.
Mit vollem Rechte wird dann die sozialistische Litteratur
nicht nur in die nationalökonomische Litteraturgeschichte aufgenom-
men, sondern, wegen ihrer unverkennbaren Wirkung als Ferment ge-
rade für die neuere und neueste deutsche wissenschaftliche National-
ökonomie, auch in der Reihenfolge der Darstellung vor letzterer
behandelt, — zugleich etwas ausführlicher als es der sonstigen
Ökonomie dieses Abschnitts entspricht. In der Kritik möchte ich
Cohn meistens beistimmen, namentlich betreffs der sozialistischen
Wertlehre (auch in Rodbertus’ Formulierung), die doch auf einer rei-
nen petitio principii in ihrer Würdigung bloß der materiellen Arbeit
beruht. Ein Irrtum ist es übrigens, wenn Cohn gelegentlich meint,
Rodbertus sehe in der sozialen Frage nur eine Magenfrage. Sie
ist ihm die Frage der Auseinandersetzung über das „Nationalprodukt“.
Seine „Lösung“ dieser Frage besteht in Plänen, durch welche statt
des relativen Zurückbleibens der Lohnquote vom steigenden Produk-
tionsertrag, der Folge der steigenden Produktivität der nationalen
Arbeit, für das mindestens entsprechende Mitsteigen dieser Quote ge-
sorgt werden soll, — gewiß nicht nur und nicht einmal in erster
Linie im Interesse des Magens, sondern in demjenigen der ganzen
menschlichen Kultur !).
Der neueren deutschen Nationalökonomie, welche von der
historischen Richtung befruchtet, von der sozialistischen Kritik ange-
regt, von tieferer philosophischer Auffassung der psychischen Beweg-
gründe des wirtschaftlichen Handelns und von tieferer Staatslehre
getragen, zu einer Umgestaltung der Wissenschaft zu gelangen strebt,
wird dann doch wohl mit Recht die führende Rolle in der heutigen
europäischen Wissenschaft des Fachs vindiziert — mit Recht, ohne
daß uns Deutschen hier nationale Eitelkeit und Selbstüberschätzung
vorgeworfen werden darf. Die Bedeutung von Moral, Sitte, Recht im
Wirtschaftsleben, daher die Notwendigkeit entsprechender grundlegen-
der Erörterungen für die Nationalökonomie als Wissenschaft und in
ihr wird außerhalb Deutschlands, besonders in Frankreich und Eng-
land, von seltenen Ausnahmen abgesehen, noch nicht einmal verstanden,
a
mann’s staatswirtschaftliche Untersuchungen seien „die geistig höchst stehende Frucht
der Anregungen von A. Smith und enthielten zugleich die Keime zur Überwindung
aller (?) Einseitigkeiten des Meisters‘.
1) Es ergibt sich dies schon aus den älteren Schriften von Rodbertus, ganz deut-
lich auch aus der jüngst von mir veröffentlichten „zur Beleucht. der soz. Frage II“
(Berlin 1885); s. u. A. daselbst das Fragment Nr. 4 S. 271, auch meine Einleitung
S. XXIV.
Systematische Nationalökonomie. 245
nie daß daraus die Konsequenzen für die Theorie gezogen
werden. —
Am meisten Widerspruch und m. E. wohl nicht ohne Grund,
wird Cohn’s Kapitel über die Grundbegriffe finden. Auch seine
Polemik gegen einzelne Auffassungen Andrer macht sich hier die
Sache doch etwas zu leicht. Eine so „einfache“ Widerlegung meines
Begrifis „‚Gemeinbedürfnis“ wie sie Cohn hier versucht, in Wieder-
holung einer früheren Polemik, halte ich nicht für zutreffend, auch
die damit verbundenen Vorwürfe gegen die Logik nicht für richtig !).
Dem Gegner zu sagen, daß er „gegen die allerersten Grundsätze der
Logik“ verstoße, wie es Cohn hier gelegentlich gegen Andre thut,
ist ein Vorwurf, den man sich in solchen Fällen wohl gegenseitig
macht, ohne daß mit solcher Redewendung schon etwas bewiesen wird.
Ich möchte z. B. replizieren: die Unterscheidung von „ersten“ und
„sekundären“ Grundbegriffen ist gewiß berechtigt, aber für „logisch
richtig“ kann ich es nicht halten, wenn der komplizierte Begriff
„Wirtschaft“ an die Spitze von jenen, den „ersten“, der einfache Be-
griff „Gut“ unter die sekundären gestellt wird, ebenso wenig, wenn
der Gutsbegriff aus dem Wertbegriff, statt umgekehrt dieser aus jenem
abgeleitet wird. Cohn’s eigene Auffassung von „Wirtschaft“ und
„Wert‘“ bieten weitere Bedenken. Auch die Definitionen der Be-
griffe scheinen mir formell mehr zu bemängeln zu sein. Eine wenig-
stens etwas eingehendere Auseinandersetzung mit anderen Autoren
wäre gerade bei den Grundbegriffen erwünscht gewesen.
Indessen eine Kritik und Antikritik würde an dieser Stelle zu
weit führen. Sie läßt sich nicht kurz erledigen und müßte einem be-
sonderen Aufsatz vorbehalten bleiben. .
Ich will mich zum Schluß noch zu einer anderen Frage wenden,
welche in dem neueren methodo- und systematologischen Streite be-
rührt worden und deren Entscheidung in der That für die Systema-
tologie besonders wichtig ist.
vl.
In jener Schmoller’schen Rezension des Schönberg’schen Handbuchs,
deren skeptische Bemerkungen über „nationalökonomische Systeme“
oben erwähnt wurden, wird auch prophezeiht, daß sich in nicht ferner
Zeit die alte systematische Dogmatik vollends überlebt haben werde.
Ich glaubte nach meiner Überzeugung schon damals einwenden zu
dürfen, daß diese Verwerfung in Bausch und Bogen doch wohl zu
weit gehe. Der Altmeister gerade der historischen National-
ökonomie in Deutschland, W. Roscher, habe doch wohl mit gutem
Grunde die „alte Dogmatik“ nicht einfach über Bord geworfen. Es
würde dies auch um so bedenklicher sein, je weniger man wisse, WO-
mit die Lücke ausgefüllt werden solle. Denn ausser einigen dürftigen
1) Cohn, Syst. $S. 187; 189 Note. Namentlich den Vorwurf, daß dieser Begriff
aufgestellt sei, um gleich eine größere Beweiskraft für die Gründe zu Gunsten gewisser
„gemeinwirtschaftlicher‘ Veranstaltungen zu gewinnen, muß ich als irrig bezeichnen.
N. F. Bd. XII, 17
246 Adolph Wagner,
kritischen Bemerkungen liegt noch gar nichts vor, was an die Stelle
der alten Dogmatik treten könnte. Im Gegenteil machen auch die
„historischen Nationalökonomen“ auf Schritt und Tritt von Lehrsätzen
Gebrauch, z. B. in der Preis- und Kostentheorie, die eben doch ein
Bestandteil der „alten Dogmatik“ sind oder sich als Konsequenzen
„dogmatischer Sätze‘ ergeben.
Mit Genugthuung finde ich diese meine Auffassung durch Cohn’s
neues Werk bestätigt.
Zu den wichtigeren und selbst den wichtigsten Punkten der „alten
Dogmatik“ darf man u. A. wohl zählen: Die Lehre von der Be-
schränktheit der Produktivität des Bodens — vom sogen.
„Gesetz der Produktion auf Land,“ wie die britischen Okonomisten es
nennen !); — die in erster Linie daraus, sowie aus der absoluten
und lokalen Volks- und Bedarfsvermehrung abzuleitende, an die grossen
klassischen Namen von Ricardo und von v. Thünen sich knüpfende
Grundrentenlehre; die Malthus’sche Bevölkerungs-
lehre; die Lehre von der Beschränkung der jeweiligen
Produktion von der Verfügung über ein entsprechendes Quantum
und Quale des zu der beabsichtigten Produktion erforderlichen
Kapitals; auch noch die sogen. „Lohnfonds-Theorie“, welche
aus der letztgenannten Lehre wieder mit folgt und wohl gegen die
frühere Doktrin zu modifizieren und vorsichtiger zu formulieren,
aber nicht für völlig falsch zu erklären ist, wie es eine neuere zu
weitgehende und die einwirkenden Umstände ungenügend analy-
sierende Polemik einiger neuerer britischer (Thornton, zuletzt auch
Mill), deutscher (Brentano) und amerikanischer (H. George)
Nationalökonomen will. Alle diese Lehren, diese Teile der „alten
Dogmatik“ hält, ähnlich wie Roscher, Schäffle, ich selbst, auch
dieser neueste deutsche Systematiker als wenigstens in ihrem Kern
— und nur darum handelt es sich — richtige Generalisa-
tionen aus den beobachteten, inductiv behandelten, deduktiv abgeleiteten
und erklärten Thatsachen aufrecht. Er sucht sie, öfters mit bestem Erfolg,
tiefer zu begründen, vorsichtiger zu fassen, in ihrer theoretischen und prak-
tischen Tragweite enger zu begrenzen, daher auch genauer anzugeben,
unter welchen bestimmten Umständen sie in ihrer theoretischen For-
mulierung auch in der Wirklichkeit gelten, wo und wann andere Mo-
mente dazwischen treten und das äußere Ergebnis ändern. Hier
ist im Einzelnen auch manches eigentümlich in Cohn’s Darstellung.
Aber im Kern gibt er eben doch die alten Lehren.
Die Kreuzung der Einflüsse in der Wirklichkeit ist auch
Anderen nicht verborgen geblieben, und wie Cohn z. B. einmal bei
der Beurteilung des Einflusses der neuesten ausländischen Konkurrenz
auf die Preise der Agrarprodukte und auf die agrarische Grundrente
mit Recht bemerkt: Hier liegen nur mehr oder weniger mächtige
und andauernde Gegeneinflüsse gegen das aus der Theorie folgende
Steigen der Preise und Renten vor, wie sie die Wissenschaft auch
1) Diese Lehre bildet z. B. einen der „vier Elementarsätze‘“ der Wissenschaft der
polit. Ökonomie in Senior’s pol. econ.
Systematische Nationalökonomie. 247
bisher schon gekannt und für ihre Lehren („Dogmen‘“) gewürdigt hat,
wie sie daher auch keine „Widerlegung“ der bisherigen Lehre, sondern
bereits ein Bestandteil derselben, als eines der in der Praxis wirken-
den Gegenmittel, sind. Kein neues Faktum auf diesem Gebiete, z. B.,
das sich nicht voll und ganz in die Doktrin einfügt, welche Mill
von den „dem Bodengesetz entgegen wirkenden“ Potenzen gege-
ben hat !).
Kurz, das wertvollste Stück der alten „Dogmatik“ begegnet uns,
nur geläutert, besser begründet, feiner erläutert auch bei Cohn wieder.
Meiner Überzeugung nach mit vollem Recht.
Selbst in der Lohnfondstheorie, welche Cohn nicht ganz
soweit aufrecht erhält, als mir auch heute noch richtig erscheint, macht
er in Bezug auf die Abhängigkeit der Lohnhöhe vom Lohnfonds das be-
merkenswerte und schließlich alles in Betracht kommende enthaltende
Zugeständnis, daß er im gegebenen Zeitpunkt die relative
Richtigkeit jener Theorie und die alsdann entscheidende Bedeutung
dieses Faktors, des „Lohnfonds“, auf die Höhe des Arbeitslohns an-
erkennt. Der Kern dieser Lohnfonds-Theorie ist in der That m. E.
so wenig durch die (Hermann’sche) Theorie, daß die Löhne aus dem
Einkommen der Konsumenten der Arbeitsprodukte, bei der Zahlung
des Preises der letzteren, bezahlt würden, widerlegt, daß vielmehr
diese beiden Theorien gar nicht in dem behaupteten Widerspruch
stehen, sondern miteinander zu vereinigen sind. Jeweilig ist, in
den praktisch zahlreichsten Fällen wenigstens in unserer heutigen
Gestaltung der Produktion, der Sachverhalt in der That der, daß die
„wirksame Nachfrage“ nach Arbeit, die Beschäftigung der Arbeiter und
die Zahlung der Löhne an sie vom „Kapital“ der Unternehmer ausgeht
und daraus erfolgt, daß die Nachfrage der Konsumenten nach fertigen
Erzeugnissen nur der Arbeit und dem Kapital die Richtung geben, in
der sie beschäftigt werden. Aber freilich leistet das „Kapital“ nur
den Vorschuß, der durch die Zahlung der Konsumenten, also die
„wirksame Nachfrage“ der letzteren ersetzt wird und regelmäßig
ersetzt werden muß, damit „das Kapital“ Arbeiter beschäftige und
Löhne zahle und das andauernd thue und thun könne. Insofern ist
es schließlich allerdings die Zahlung der Konsumenten, welche den
Arbeitern Beschäftigung zuführt, ihnen auch eine gewisse Lohnhöhe
verbürgt, genauer gesagt: die Bedingungen bestimmt, unter denen
„das Kapital“ allein dauernd Arbeiter beschäftigen und eine gewisse
Lohnhöhe dabei gewähren kann, — im einzelnen Zeitpunkte unmittel-
bar aber doch immer nur, wenn das Kapital hoch genug ist, um diese
Höhe des Lohnes zu gewähren, und wenn es aus solchen Gütern besteht
bez. darin umgesetzt werden kann, welche Arbeiter-Konsumptibilien
sind. Mill’s ältere Lehre in seinem grossen Werke ist, nur mit
wenigen Modifikationen nach Maßgabe Hermann’s und der Deutschen,
noch immer eine besonders gelungene Formulierung des Problems ?).
1) Mill, pol. Ökon. 1. Buch, 12. Kap. $ 3.
2) Mill, pol. Okon. 1. Buch. 5. Kap. 8 9.
17%
248 Adolph Wagner,
Als ein besonderes Verdienst von Cohn sehe ich es an, daß er
die Bevölkerungslehre in ihrem der „älteren Dogmatik“ ent-
sprechenden Zusammenhang mit dem Verteilungsproblem wieder in den
Vordergrund geschoben hat. So halte auch ich es fest und behandele
in meinen Vorlesungen seit einer Reihe von Jahren, in einer Beziehung
etwas abweichend von meiner „Grundlegung“ !), die Materie dem-
gemäß. Cohn betont auf das Schärfste die geradezu maßgebende Be-
deutung der Bevölkerungsbewegung, speziell der Volkszunahme, für
die Gestaltung der Einkommenverteilung, namentlich der Arbeitslöhne.
Das ist gegenüber dem dreifachen Optimismus der Individualisten des
Manchestertums (Bastiat), den Amerikanern, die aus den Verhält-
nissen dünn bevölkerter Länder heraus urteilen (Carey) und der
extremen Sozialisten (Marx, aber selbst Rodbertus!) vollkommen richtig.
Cohn läßt sich auch hier nicht durch den stumpfen Angriff auf die
freilich nicht haltbare Malthus’sche Formel und durch den Hinweis
auf die ungeheure Vermehrung und Vermehrbarkeit der Produktions-
kräfte irre machen, ein Hinweis, z. B. auch bezüglich der Thatsachen
in unserem Jahrhundert, durch den so viele oberflächliche optimistische
Nationalökonomen sich einbilden, „Malthus zu widerlegen“. Unwider-
leglich stellt es Cohn vielmehr hin, daß selbst die ungeheure Zu-
nahme der Produktivität der nationalen Arbeit in den letzten Menschen-
altern, wo steam is king, und die wirkliche Zunahme der Produktion
in ihren wenigstens möglichen günstigen Folgen für die arbeitenden
Klassen im Ganzen, vollends jedoch für deren untere und unterste
Schichten immer wieder bisher durch den Impuls zu rascherer und
grösserer Volkszunahme und durch die thatsächliche enorme Vermeh-
rung der Bevölkerung gekreuzt wurde. Die rasche Volkszunahme,
jährlich über eine halbe Million Geburtsüberschuß, bei der heute er-
reichten Durchschnittsdichtigkeit der Bevölkerung — 1880 schon 84
auf dem Quadratkilometer, 1885 circa 88, gegen 7l in Frankreich! —
bei Deutschlands natürlichen und bei den durch seine gesichtliche
Wirtschaftsentwicklung, seine Stellung im Welthandel, seine geogra-
phische Lage, freilich zum Teil auch durch seine zwar reformierbare, aber
doch in der Hauptsache zunächst hinzunehmende wirtschaftliche Rechts-
ordnung — Großgrundbesitz u. s. w. — bedingten, ziemlich eng begrenz-
ten wirtschaftlichen Ressourcen, zu deren Entfaltung auch eine „posi-
tive Kolonialpolitik“ nur in bescheidenem Maße nach Lage der Dinge
beitragen kann, diese rasche Volkszunahme ist doch wohl
geradezu der kritischste Faktor unserer sozialen und wirtschaft-
lichen Verhältnisse. Die Auswanderung wirkt hier nur als schwaches
Ventil, auch stets in etwas erheblichem Maße nur zeitweilig, nament-
lich gerade bei momentan etwas besseren wirtschaftlichen Zuständen
und Konjunkturen drüben, über See, wie hüben.
1) Hier fehlt eine dogmatische Erörterung der Bevölkerungsfrage noch, die jedoch
systematisch richtig in das 2. Kap. meiner 1. Abteil. zwischen 9 93 und 94 gehört, wo-
hin ich sie auch später zu stellen gedenke, Den mir richtig scheinenden Standpunkt in
der Bevölkerungsfrage legte ich übrigens S. 145 a. a. O. dar.
Systematische Nationalökonomie. 249
Geradezu verblendet sind in diesem Punkte des Bevölkerungs-
problems die Sozialisten wie anderseits Carey. Erst in neuester Zeit
regt sich im deutschen Sozialismus (Kautsky) die Erkenntnis, daß
auch — richtiger noch: grade — in einem „sozialistischen“ Ge-
meinwesen die Bevölkerungsfrage der schwierigste Punkt, vielleicht die
wahre Achillesferse des Sozialismus sein würde. Auch Cohn sagt
Ahnliches. Hier hat man es auch schließlich nicht mit Rechts- und
Organisationsfragen, auch nur sekundär mit psychologischen Fragen,
sondern einfach mit Rechnungsfragen zu thun. Der Einkommen-Quo-
tient wird unter allen Umständen im Durchschnitt kleiner für den
Einzelnen, wenn die Bevölkerung rascher als das Nationaleinkommen
steigt. Natürlich absolut in noch stärkerem Grade kleiner für den
„Arbeiter“, wenn Grundrenten, Kapital- und Unternehmergewinne,
höhere Gehälter u. dergl. m. von diesem Nationaleinkommen abgehen
und nur der Rest als Lohn an die Arbeiter fällt. Aber immerhin
doch auch dann kleiner, wenn nach sozialistischer Forderung der
„ganze Produktionsertrag“ ohne jenen Abzug an die Bevölkerung als
Einkommen, einerlei in diesem Punkte hier, nach welchem Maßstabe,
verteilt wird. Nur wenn die Produktion quantitativ und qualitativ
im „Sozialstaate‘“ rascher, die Technik bedeutender fortschreiten
würde, als im „Privatkapital-“, oder „Bourgeois-Staate“ der Gegenwart
und die Volksvermehrung umgekehrt langsamer, könnte überhaupt
die ökonomische Durchschnittslage des Einzelnen, von der ihm zufal-
lenden Quote an dem heutigen Renten- u. s. w. Einkommen abgesehen,
sich erheblicher verbessern als jetzt. Da aber die günstigere Gestal-
tung der Produktion und des technischen Fortschritts im „Sozialstaate“
mindestens problematisch, nicht die langsamere, sondern gerade die
raschere Volkszunahme hier dagegen psychologisch wahrscheinlicher
wäre — aus nahe liegenden Gründen —, so ist es auch wahrschein-
licher, daß die Lage des Einzelnen sich gar nicht so erheblich ver-
bessern könnte, als jetzt, freilich unter der Voraussetzung, daß dem
übermäßigen Zuwachs des Renten- und Unternehmer-Einkommens im
jetzigen Zustande vorgebeugt werden kann und wird. Oder anderseits:
am Bevölkerungsproblem, wenn nicht an Anderem, drohte
jeder „Socialstaat“, selbst nach glücklicher Inauguration, zu Grunde
zu gehen.
Man beachte nur solche Zusammenhänge der Bevölkerungsfrage
mit den ernstesten und schwierigsten sozialpolitischen Fragen, und man
wird sich überzeugen, dal diese „alte Dogmatik“ doch auch noch
einigen praktischen sowohl als wissenschaftlichen Wert hat. Cohn hat
auch hier in seinen Ausführungen das Richtige getroffen. —
Ich habe hier meiner Absicht gemäß nur einige der Punkte
methodologischer und systematologischer Art hervorgehoben, zu deren
erneuter Prüfung mir das Cohn’sche Werk den Anlaß gab. Und hier-
mit will ich, wenigstens für jetzt, diese Erörterungen abschließen.
Auch die weiteren Abschnitte der Schrift würden jedoch zu um-
fassenden referierenden und kritischen Ausführungen noch reiche
Gelegenheit bieten. Das ist eben einer der großen Vorzüge dieser
250 Adolph Wagner,
wie anderer Cohn’scher Schriften, daß sie in hohem Maße anregend
wirken. Das dritte Kapitel des ersten Hauptabschnitts (Bedarf der
Bevölkerung), dann der ganze zweite Hauptabschnitt (Gestaltung des
Wirtschaftslebens) behandeln noch eine Menge Prinzipienfragen, welche
für das System als solches wichtig sind. Ich habe gleich beim ersten
Lesen den Eindruck gehabt und bei wiederholtem Durchdenken des
Gegenstandes behalten, daß doch manches aus diesem zweiten Haupt-
abschnitt, wie ich es in meinem eigenen Werke auch gemacht habe,
in der That richtiger in einen voran zu stellenden, eigentlich „grund-
legenden“ Teil gehöre. Die Ausführungen im ersten Kapitel (Ord-
nung des Zusammenlebens) über natürliche und sittliche Ordnung,
über die Beziehungen zwischen letzterer und dem wirtschaftlichen
Handeln berühren sich wieder nahe mit den früheren methodologischen
des Verfassers, in einigen Punkten wiederholen sie sie. Etwas zu
dürftig im Inhalte, auch nach der ganzen, immerhin knappen Anlage
des Buchs, und nicht an richtiger Stelle des Systems stehend erscheinen
mir die Ausführungen des zweiten Kapitels (Gliederung des Zusammen-
lebens), über freie Konkurrenz und „Verbände“ und über Eigentum.
Den „neutralen“ Ausdruck „Verband“ braucht der Verfasser für meinen
von ihm verpönten Begriff und Ausdruck „Gemeinwirtschaft“, wobei
er aber doch sachlich ziemlich zu derselben Auffassung gelangt; selbst
den Staat reiht er hier unter seinen Öffentlichen (Zwangs-) Verbänden,
wie ich unter meinen „Zwangsgemeiunwirtschaften“ ein. Vollends knapp
ist die Erörterung über „Privateigentum und Gesamteigentum“, wobei
vielleicht der neuesten Arbeit von Dargun zu gedenken gewesen
wäre. Sind aber diese Fragen von Freiheit, Konkurrenz, Eigentum
und Eigentumsverfassung nicht in der That so entscheidende Grund-
fragen, daß sie nicht erst an dieser Stelle des Systems, bei dessen
Ausbau, sondern schon früher, bei dem Unterbau des Ganzen, zu
behandeln wären? Ich habe mich durch Cohn’s Abweichungen in
diesem Punkte in der Überzeugung von der Richtigkeit meiner Syste-
matisierung bestärkt gefühlt. Vieles Einzelne scheint mir in Gohn’s
Darstellung jedoch wiederum vortrefflich zu sein.
Der dritte Hauptabschnitt von den „Vorgängen des Wirtschafts-
lebens‘ behandelt in weniger als einem Drittteil des Bandes das, was
die ältere Systematik überhaupt nach ihrer kurzen Einleitung ge-
wöhnlich unter „theoretischer Nationalökonomie“ versteht. Die nach
dem Gehalte des Besprochenen ungleich bedeutsameren ersten zwei
Drittteile des Bandes bestätigen die Auffassung, welche ich mir für das
System der Nationalökonomie gebildet und nach der ich die Ausar-
beitung meines eigenen systematischen Werks begonnen habe: daß
diese Partieen der sogen. theoretischen Nationalökonomie der Alteren
voranzugehen haben, und in ihnen die eigentlichen Hauptfragen,
die schwierigsten und die wichtigsten, zu behandeln sind. Aber
meines Erachtens muß dann allerdings diesen Partieen, welche ich
unter dem Namen „Grundlegung‘‘ zusammenfasse, doch eine aus-
geführtere Darstellung der „Vorgänge im Wirtschaftsleben“, wie
es Cohn nennt, der Lehren von Produktion, Umlauf, Verkehr, Vertei-
Systematische Nationalökonomie. 251
lung folgen, als sie Cohn hier gibt. Eine ausgeführtere Dar-
stellung dieser Lehren an dieser Stelle, d. h. als Mittelglied des
Systems zwischen der „Grundlegung“ und der sogen. „praktischen“
Nationalökonomie. Man darf, glaube ich, hiergegen nicht einwenden,
daß vieles erst in die praktische Nationalökonomie gehöre, was Cohn
hier übergeht oder nur kurz berührt, und daf3 daher, wenn man es
anders behandle, größere Wiederholungen im theoretischen und prak-
tischen Teil erfolgen würden. Das ist nach meiner Ansicht nicht der
Fall. Die theoretischen Hauptpunkte und die Grundzüge der Lehre
gehören in den theoretischen, die Einzelheiten, das historische, stati-
stische, legislative, eventuell technische Detail in den praktischen Teil.
Aber in der jetzigen Behandlung überweist Cohn doch wohl zu viel
aus dem theoretischen in den praktischen Abschnitt (Band II). So
z. B. in der Lehre von Geld und Kredit, die an dieser Stelle wohl
unbedingt schon eingehender zu behandeln wären. Das hier Gebotene
reicht kaum zur ersten Orientierung aus. Vielleicht sind in diesem
ganzen dritten Hauptabschnitt für den Verfasser auch äußere Gründe,
den Umfang des Bandes zu beschränken, für die Knappheit und stel-
lenweise Dürftigkeit seiner Behandlung mit maßgebend gewesen,
Gründe, deren relative Bedeutung ich nicht bestreiten will. Doch
gerade von dem in diesem Aufsatze eingenommenen Standpunkte der
Systematologie aus möchte ich dann aus Cohn’s Werk in diesem
Punkte die Bestätigung der Ansicht entnehmen, daß die grundlegen-
den und die Lehren von der Produktion, Verteilung u. s. w. zu-
sammen ein zu umfangreicher Stoff sind, um sie in dieser Weise
in einem Bande genügend erledigen zu können. Entweder muß dann
das Ganze mehr abriß - und kompendienartig gehalten, also auch
der grundlegende Abschnitt verkürzt werden oder, wenn das Letztere,
wie im Cohn’schen Werke, mit Recht nicht geschieht, so verlangt
dann doch die Lehre von Produktion und Verteilung einen einiger-
maßen dem grundlegenden Teil entsprechenden Umfang. —
Doch das sind schließlich ja Nebenpunkte, bei denen auch die
subjektiven Auffassungen auseinandergehen werden. Ich habe sie wahr-
lich nicht hervergehoben, um dem von mir bereitwillig anerkannten
hohen Wert des vortrefflichen Werkes Abbruch zu thun. Ich be-
grüße es nochmals zum Schluß mit großer Freude und mit derjenigen,
wie ich glaube sagen zu dürfen, persönlichen Genugthuung, die man
empfindet, wenn man sich in den Kernpunkten seiner wissenschaftlichen
Auffassungen und seiner Ansichten über die der eigenen Wissenschaft
gestellten Aufgaben — hier speziell in der Ueberzeugung von der
Bedeutung der systematischen Arbeit und der prinzipiellen
Erörterung der Probleme — mit einem Fachgenossen vom Range
eines Gustav Cohn im Wesentlichen Eines weiss, was ja mancherlei
abweichende Meinungen im Einzelnen nicht ausschliesst.
Cohn steht Menger’s Bestrebungen und wissenschaftlichen Zielen
nicht näher, sondern wohl ferner als ich. Aber in dem Punkte, wo-
rin ich Menger am meisten beistimme, daß die Aufgaben des National-
ökonomen, geschweige der Nationalökonomie, in konkreten historischen
952 Adolph Wagner, Systematische Nationalökonomie,
Forschungen und Schilderungen, in statistischen Untersuchungen —
bisweilen sogar unter absichtlichem, möglichstem Verzicht auf Heraus-
schälung des „Generellen“, Typischen, aus dem „Individuellen“, Kon-
kreten — nicht aufgehen, sondern daß eigentümliche große und
schwierige Aufgaben in unserer „Disziplin“ in ganz anderer Weise
als durch diese historisch-statistische Deskription des bloß Indivi-
duellen zu lösen sind und bei richtiger wissenschaftlicher Arbeits-
teilung zwischen Nationalökonom, Wirtschaftshistoriker und Wirt-
schaftsstatistiker gerade nur vom Nationalökonomen gelöst
werden können, — in diesem Punkte findet die Menger’sche Grund-
auffassung den Prätensionen einseitigen Historismus’ gegenüber in
dem Cohn’schen Werke ihre erneute Bestätigung, meine eigenen Be-
strebungen die erfolgreichste Unterstützung, für die ich meinen Göt-
tinger Kollegen dankbar bin. Cohn’s und Menger’s Bücher ergänzen
sich, möchte ich sagen: Menger zeigt, was statt oder neben historisch-
statistischer „Forschung“ in unserer Wissenschaft geschehen soll; Cohn
zeigt, wie das, was so geschehen soll, zu machen ist. Die besten
Wünsche für die Fortsetzung seines Werkes!